Ich liebe Pathos. An Neujahr glaube ich zwischen den Takten 806 und 814, dass alle Menschen Brüder werden. Als 16-jähriger wäre ich fast aus dem Konzert geflogen, weil ich das Orchester während Schostakowitschs Zehnter so heftig mitdirigierte, als hätte es gegolten Stalin zu erdolchen und bei Mahler habe ich stets einen Defibrillator griffbereit ... Pathos ist das, was mir ohne eigenes Zutun entgegenkommt und mich so anrührt, dass mir die Birne durchbrennt.
Der Theaterwissenschaftler Lorenz Aggermann („Der offene Mund“) beschreibt das eindrucksvoll am Beispiel griechischer Tragödien, bei denen onomatopoetische Laute – wie „Oioioi“ – in der Lage sind, Löcher in die Semantik zu reißen. Auch Facebook macht mich pathetisch, zum Beispiel wenn ich mich plötzlich aufrege. Etwa über die Nachricht, dass Neue Musik Ensembles Praktika für Hochschulabsolventen ausschreiben und diese nur mit knapp 10 Euro über dem Hartz IV-Satz entlohnen. Da sich der Thrill über einen Thread schnell legt, sollten wir die Mechanik des Pathos unbedingt nutzen: Wir backen auf keinen Fall kleinere, sondern gleichgroße Brötchen, lassen aber in jeder Inszenierung immer sichtbar dort Löcher, wo das Geld für anständige Bezahlung fehlte:
Beleuchter? (Bleibt’s dunkel) Pressestelle? (Bleibt’s geheim) Geiger? (Bleibt’s ungezupft)
Natürlich fehlt mir der Sachverstand, Gehälter und Tarife zu bewerten. Ich ahne beste Absichten und glaube nicht an simples gut oder böse. – Dennoch raunt die vom Pathos leergefräste Stelle in meiner Birne: Oioioi.