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Vorne ist ein Tisch aufgebaut. Er erinnert an das Gemälde vom letzten Abendmahl. Einige Leute sitzen daran, aber auf der sonst eher industriell-roh gehaltenen Bühne sind auch vereinzelt woanders Leute unterwegs. Über ihnen auf einem Baugerüst leuchten Leuchtstofföhren die wie Buchstaben geformt sind: Innocence.

Über allen prangt, wovon die meisten scheinbar am wenigsten haben: Innocence. (Ensemble, Chorwerk Ruhr, Statisterie) Foto: Karl und Monika Forster

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Bechers Bilanz – Februar 2025: Das Stück zur Stunde

Vorspann / Teaser

Die 2021 uraufgeführte Oper „Innocence“ von Kaija Saariaho wirft viele jener Fragen auf, die unseren hektischen Diskurs über Attentate und deren Folgen auf die Migrationspolitik bedrängen. Bei der finnischen Komponistin geht es um einen (fiktiven) Amoklauf in der Schule. Die Oper aber stellt nicht die Tat ins Schaufenster, sondern begleitet die Überlebenden bei ihren Versuchen, mit den Folgen des Gewaltausbruchs fertig zu werden. So gesehen: das Stück zur Stunde.

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Gelsenkirchen

„Innocence“ – Auf der Seite der Traumatisierten

„Innocence“ verschränkt eine Hochzeitsfeier mit einem Treffen jener, die der Amoklauf eines Mitschülers zehn Jahre zuvor traumatisiert hat. Das Unvergessene verdüstert auch die Heirat, denn der Bräutigam ist der Bruder des Täters. Er fordert, dass Glück auch auf blutgetränktem Boden gedeihen können muss. Im klugen Libretto der finnisch-estnischen Schriftstellerin Sofi Oksanen wächst aus den Monologen ein nervenaufreibender Plot. Je mehr gesagt und gesungen wird, umso bestürzter legen wir vorgefertigte Kategorien zur Seite. 

Am Pult im Musiktheater im Revier steht Valtteri Rauhalammi, ein guter Bekannter des Hauses und zuletzt Assistent von Christian Thielemann in Bayreuth, der Bühne und Graben perfekt ausbalanciert. Zum Sängerensemble gesellen sich fünf Schauspieler, die in ihrer Muttersprache reden. Saariahos Musik umarmt das Bühnenpersonal behutsam, doch niemals süßlich; wo in anderen ihrer Werke elektronische Klänge den Raum öffnen, genügt ihr hier ein Chor (souverän: das Chorwerk Ruhr), der immer auf der Seite der Traumatisierten steht. So fein und farbig, so wenig kraftmeierisch komponieren nicht viele Komponistinnen und Komponisten. Die Regisseurin Elisabeth Stöppler vertraut Text und Musik, vor allem aber dem Ensemble, das bis in die kleinsten Bewegungen hinein nachvollziehbare Rollenporträts vorstellt. 

Das ausverkaufte Opernhaus in Gelsenkirchen verfolgt das Geschehen am 16. Februar gebannt und bedankt sich mit standing ovations. Katherine Allen als Mutter ist die einzige Parodie der Regie, dafür jubiliert ihr schwereloser Koloratursopran; Vater Benedict Nelson wirkt in der Kleidung zusehends derangierter, nicht mit seinem Bariton; Bruder Tuomas (Khanyiso Gwenxane) beansprucht mit seinem elegant geführten Tenor den Mittelpunkt. Doch alle liegen Erika Hammarberg zu Füßen, für deren Partie der getöteten Schülerin Markéta die Komponistin hundsgemeine Spottlieder, getarnt als finnische und karelische Volksmusik, geschrieben hat. Auch dieser Stein traf den Amokläufer, bevor er die Waffe aus dem Schrank seines Vaters stahl. (Die Oper steht noch bis 20. März auf dem Gelsenkirchener Spielplan.)

Köln

Concertgebouw Orkest mit Sergej Prokofjew
Gute Laune bei Aschenputtel

Wenn sich die schlechten Nachrichten überschlagen, ist etwas Aufmunterung willkommen. Selbst wenn sie ein gebürtiger Russe spendet, der in Bayern, Paris und in den USA lebte und als Sowjetbürger am gleichen Tag starb wie Stalin. 

Am 14. Februar gastiert das Concertgebouw Orkest unter seinem Ehren-Gastdirigenten Iván Fischer mit einem reinen Prokofjew-Programm in Köln. Vom Opener an – der „Ouvertüre über hebräische Themen“ mit einem herausragenden Olivier Patey an der Soloklarinette – springen die Funken der Amsterdamer über. Der ungarische Dirigent feuert sein Orchester an. Beide gehören zur Weltspitze und kennen weder Pose noch Adelsstolz – im Gegensatz zu den meisten anderen auf diesem Niveau. Bei der „Aschenputtel“-Suite in der zweiten Konzerthälfte moderiert der Dirigent selbst: mit ehrwürdiger Feierlichkeit und ohne aufdringliches Augenzwinkern. Umso freundlicher lächelt die klassizistische Musik mit ihren bizarren Tänzen und genialen Melodien. Als aufsässige Ergänzung erscheint das zweite Klavierkonzert, ein bis zum Rand mit Musik gefülltes Werk, ausladend, wuchtig, eine Schneise zwischen Skrjabin und Tschaikowsky suchend. Prokofjew schrieb sich selbst einen aberwitzig schweren Solistenpart, den Nelson Goerner souverän gestaltet, ohne Angst vor Extremen. Die Zuhörer in der Philharmonie – das Konzert hätte ein ausverkauftes Haus verdient – springen begeistert aus ihren Sitzen. Dann geht es wieder hinaus in die Kälte.

Düsseldorf

Symphoniker unter Alpesh Chauhan
Neues in Sachen „Romeo und Julia“

Gegenüber „Aschenputtel“ wirkt Prokofjews „Romeo und Julia“ wohl bekannt. Da aber meist nur jene Sätze erklingen, die der Komponist für den Konzertsaal auswählte, harrt vieles aus der kompletten Ballett-Musik der Entdeckung – etwa das bezaubernde Oboensolo (hier: Gisela Hellrung) zu den gezupften Streichern. 

Der Erste Gastdirigent der Düsseldorfer Symphoniker, Alpesh Chauhan, serviert am 9. Februar viel Neues aus diesem Werk und punktet in der Tonhalle durch ein paar Luftsprünge, vor allem aber durch opulenten Klang. Das passt zu Prokofjew und auch zu Alexander Zemlinskys 23. Psalm, in dem der Komponist 1910 die Schwelgerei der Jahrhundertwende mit der Verspieltheit des Jugendstils verbrüdert. Ein wunderbares Kleinod, das der Chor des Städtischen Musikvereins zu Düsseldorf mustergültig aufführt. 

Ob allerdings auch Mozart derart explodieren muss, sei dahingestellt. Immerhin scheinen Chauhan und Solistin Yeol Eum Son in bestem Einvernehmen darüber, dass das d-Moll-Klavierkonzert K 466 von existenzieller Dramatik geprägt ist. In der Zugabe zeigt die Koreanerin, dass sich Leichtigkeit und Virtuosität nicht widersprechen. Das Publikum in der ausverkauften Tonhalle lässt sein Orchester hochleben – mit Recht. Insbesondere die Streicher überzeugen durch ausgesuchte Klangkultur und makelloses Zusammenspiel. 

Köln

Gürzenich-Orchester unter Ariane Matiakh
Mehr Roussel spielen!

Die in Paris geborene und in Wien ausgebildete Dirigentin Ariane Matiakh besuchte Köln vergangenen März mit ihrem Orchester, der Württembergischen Philharmonie Reutlingen. Sie hat ihren Vertrag dort gerade verlängert, gleichzeitig ist sie als Gastdirigentin immer gefragter. 

Am 23./24./25. Februar präsentiert sie im Kölner Abonnement des Gürzenich-Orchesters ein englisch-französisches Programm, in dem Edward Elgars Violinkonzert gegen das Feuerwerk von Albert Roussel und Maurice Ravel alt aussieht. Obwohl es mit Frank Peter Zimmermann keinen besseren Anwalt finden könnte: Der Geiger nimmt Elgar die Schwere, zieht den Vorhang vor der akustischen Bühne manchmal blickdicht zu und lässt den immens fordernden Solopart im Finale befreit auftanzen. Dabei bleibt er – dem Geist der Kammermusik folgend – nahe an Dirigentin und Orchester. Und das zugegebene Adagio aus Bachs Dritter Sonate – mit dem fragenden Schluss – widmet er dem verstorbenen Gerhart Baum. In der französischen Konzerthälfte musiziert Matiakh Maurice Ravels „La valse“ voller Lebensfreude, aber auch mit riskanten wienerischen Verzögerungen und Rubati. 

Albert Roussels Musik sollte bitte ebenso oft wie Ravel auf den Programmen stehen. Bei „Bacchus et Ariane“ (gespielt wird die 2. Suite aus dem Ballett) knallen zwischen edelstem Kontrapunkt, bei dem man nie voraussehen kann, welche Solobläser sich als nächste aneinander reiben, und einem überschwänglichen Triumph-Walzer die Korken. Fantastisch!

Köln

Musik der Zeit
Der gestirnte Himmel über uns

Georges Lentz stammt aus Luxemburg, seine Musik aber blickt in den Himmel Australiens, wo er seit einem halben Leben wohnt. In seinem neuen Violinkonzert, geschrieben für Arabella Steinbacher, spiegelt sich der überwältigende Sternenhimmel über der Wildnis. 

Die deutsche Erstaufführung des Werkes findet am 8. Februar in einem Konzert der Reihe „Musik der Zeit“ in der Kölner Philharmonie statt, der Amerikaner Ryan Bancroft dirigiert das WDR Sinfonieorchester. „… to beam in distant heavens …“ beginnt im Dunkeln, ein lauter Trommelschlag mimt den Urknall. Von fern vernimmt man ein verkopftes Präludieren, das Steinbacher bald an ein verborgenes Streicherensemble weitergibt. Zurück auf der Bühne spielt sie sich mit silbrigem Klang in die Herzen der Zuhörer. Die zärtliche Bestimmtheit ihres Spiels ist nur wenigen Geigenvirtuosen gegeben. Lentz pirscht sich an volksliedhafte Schlichtheit an, die Akkorde dem Dur-Moll-System. Doch kippt das Stück an keiner Stelle in die Neoromantik; es zeigt vielmehr an, dass Demut und Einkehr, die uns beim Anblick des gestirnten Himmels anfallen mögen, Einfachheit benötigen. 

Dazu erklingt eine Uraufführung von Georges Aperghis, eine Orchesteretüde (seine achte), in deren geschichteter Klangwelt wenig Linien in den Vordergrund treten. Berührend, wenn nach einem Ausbruch zwei Pikkoloflöten im tiefen Register übrigbleiben, als würden sie nach langer Reha wieder zu gehen lernen. Olga Neuwirth beschließt den Abend. In „Masaot / Clocks without Hands“ blitzen Bläserkapellen und betörender Streicherschmelz auf: Erinnerungen an die Musik des Großvaters. Ein vergnügliches Werk auf höchstem Energielevel, zudem ohne Elektronik. Tags darauf fährt das WDR Sinfonieorchester nach Hamburg, um Lentz und Neuwirth auch in der Elbphilharmonie im Rahmen des Festivals „Visions“ vorzustellen.

Berlin

Kammerkonzert der Berliner Philharmoniker
„Der Henze war vielgestaltiger.“

Man darf auch einmal neidisch auf Berlin sein. Zum Beispiel dafür, dass ein Kammerkonzert in der Philharmonie am 11. Februar ausverkauft ist. Und dass nicht bei der Königsdisziplin, dem Streichquartett, sondern bei einem Bläserquintett. Und nicht allein mit den Klassikern Beethoven und Mozart (obwohl deren Quintette, jene in Es-Dur mit Klavier, gespielt von Kit Armstrong, auf dem Programm standen), sondern ebenso mit Wolfgang Rihm und Hans Werner Henze. 

Klangkultur, Gemeinsinn, artikulatorische Flexibilität und Eleganz der Linienführung sind bei den fünf Mitgliedern der Berliner Philharmoniker atemberaubend, und deshalb gehören sie einzeln aufgeführt: Jelka Weber (Flöte), Dominik Wollenweber (Oboe), Andraž Golob (Klarinette), Stefan Schweigert (Fagott) und Johannes Lamotke (Horn). Rihms Bläserquintett schäkert mit einem kürzestmöglichen Scherzo und einem sehnsuchtsvollen Langsamen Walzer. Die Dame neben mir aber urteilt, ebenfalls kürzestmöglich: „Der Henze war vielgestaltiger.“ Ein Fünfsätzer aus dem Jahre 1977 namens „L’autunno“, dessen Abschnitte kurze Rezitative zerteilen, in den Henze einen Gruß an den Hindemith-Sound der 40er-Jahre einfügt, außerdem eine Polka, eine Bach-Arie und manch verborgene Zeile aus Gedichten von Georg Trakl. Vielleicht auch die aus „Grodek“: „Am Abend tönen die herbstlichen Wälder / von tödlichen Waffen“. Den fünf Philharmonikern-Bläser, die bei Henze auch alle möglichen Nebeninstrumente in Stellung bringen müssen, sei für diese Aufführung wärmstens gedankt.