Wie steht es um unsere gute alte „Mutter Erde“? Allüberall gehören Antonio Vivaldis „Vier Jahreszeiten“ zu den meistgespielten Werken in Konzerten. Was aber, wenn sich das Klima und auch der „Lebensraum Erde“ weiter verändern? Die Winter werden wärmer und kürzer, die Sommer heißer, die Übergänge zwischen den Jahreszeiten fließender. Haben wir bald nur noch drei Jahreszeiten, gar nur noch zwei? Harald Lesch hat dazu einiges zu sagen und im Hintergrund tönen dazu – same procedure as last year, as every year – Vivaldis „Vier Jahreszeiten“.

Klimaretter unterwegs: Der Astrophysiker Harald Lesch (2. v. l.) und das Merlin Ensemble Wien mit seinem Leiter, dem Geiger Martin Walch (4. v. l.). Foto: © Elena Zaucke
Das Ende der „Vier Jahreszeiten“? – Harald Lesch und das Merlin Ensemble Wien auf Tour
21. Mai 2024 – es ist ein schöner, sonniger und insgesamt angenehmer Tag. Niemand spürt oder denkt an diesem Tag wohl konkret an den Klimawandel als er in der Schlange vor der Kasse im Theater am Aegi in Hannover steht. Die Schlange ist lang – bis weit hinaus auf die Straße. Ein Szenario als ob gleich ein Popstar auftreten wird. Der Popstar und sein Ensemble haben bereits eine umfangreiche Tournee hinter sich und das Konzert in Hannover ist vorerst das letzte. Ab dem 19. Dezember geht es dann in Düsseldorf, Karlsruhe und München weiter. Der „Popstar“ selbst aber macht keine Musik – er ist Wissenschaftler, Atomphysiker und Naturphilosoph.
„Wäre das Klima eine Bank – wir hätten es längst gerettet“, sagt Harald Lesch. Lesch gehört durch seine zahlreichen Fernsehsendungen und Auftritte in Talkshows und anderen Sendeformaten zu den bekanntesten deutschen Wissenschaftlern. Zu seinen besonderen Fähigkeiten gehört es, komplizierte wissenschaftliche und philosophische Sachverhalte so zu erklären, dass man sie selbst als Laie gut verstehen kann. Seine Vergleiche mit Dingen des täglichen Lebens kann man gut nachvollziehen.
In Mitteleuropa ist die Aufteilung des Jahres in vier Teile, die vier Jahreszeiten, ein immer noch gängiges und naturgegebenes Modell. Nicht immer ist es für uns noch so ersichtlich und spürbar, wie es die Älteren unter uns noch aus Ihrer Kindheit und Jugend erinnern: am auffälligsten ist dabei der im Winter an vielen Orten fehlende Schnee. Aber auch die sommerliche Hitze war früher nicht so heiß und die Stürme, Regengüsse (neudeutsch: Starkregen) und Überschwemmungen brachen nicht so oft und intensiv über uns herein. Auch nahezu unkontrollierbare Großbrände sind eher ein Phänomen unserer Tage.
Diese „alten“ vier Jahreszeiten hat der Komponist Antonio Vivaldi in Musik gesetzt. Lesch beschreibt die Erde als den „Planet des Lebens“ und „ein Grund zum Feiern“. Dieses ist letztlich das Thema von Vivaldis „Vier Jahreszeiten“. Sie sind eine Sammlung von vier programmatischen Violinkonzerten von denen jedes eine der vier Jahreszeiten in ihrer typischen Erscheinungsform portraitiert. Wenn nun Lesch zusammen mit dem Merlin Ensemble Wien unter der Leitung des Violinisten Martin Walch mit Antonio Vivaldis „Vier Jahreszeiten“ auf Tournee geht, dann darf man getrost einen neuen Einblick in die Welt erwarten.
„Es brauchte Schüler, um uns aufzuwecken. Erbärmlich! Was für eine Armut!“ Leschs Aussagen sind nicht immer freundlich und aufmunternd – er versteht es, den Finger in die Wunde zu legen und auf aktuelle Probleme sehr eindringlich hinzuweisen. Er weiß um die Probleme, denen die Natur ausgesetzt ist. Er weiß aber auch, dass man mit der Natur nicht verhandeln kann und dass „die Erde auch ohne uns kann, wir aber nicht ohne die Erde“. Es mag zwar wenig hilfreich sein, dass „die Natur nicht mit uns spricht“, wir können aber immerhin mit Hilfe der Wissenschaft messen und erkennen, wie diese funktioniert.
„Deutschland: Wir erschrecken und machen einfach weiter.“ Dabei können wir getrost auf die Geschichte unseres Sonnensystems schauen, das vor etwa 4,567 Milliarden Jahren entstanden ist und sich seitdem immer wieder an die äußeren Gegebenheiten angepaßt hat. So haben unter anderem einzelne Planeten innerhalb des Sonnensystems ihre Position gewechselt und der Uranus ist (im Hinblick auf seine Grundachse) „umgekippt“. Fast könnte man fragen, warum wir Menschen uns sorgen sollten – die Natur wird es doch schon wieder richten.
Wenn die Natur alles wieder richten wird, kann man „Planet des Lebens“ und „ein Grund zum Feiern“ also getrost wörtlich nehmen und die mahnenden Stimmen getrost überhören. – Die jeweilige jahreszeitliche Realität beschreibt Vivaldi in wohl von ihm selbst verfassten Sonetten, die er in den Noten der Stimme der Solo-Violine beigibt. In diesen Sonetten wird das Programm und die Stimmung des Konzertes noch einmal in Worte gefasst und beschrieben.
So heißt es im Sonett zum ersten Konzert: „Der Frühling ist gekommen, und festlich begrüßen ihn die Vögel mit fröhlichem Gesang.“ Der Herbst wird eingeleitet mit: „Der Bauer bezeugt mit Tanzen und Liedern seine Freude über die glücklich eingebrachte Ernte. Und von dem Saft der Rebe sind viele beschwingt. Sie beenden mit Schlaf ihr Freudenfest.“ In der Musik werden vor allem Naturerscheinungen im weitesten Sinne und Tätigkeiten von Menschen beschrieben, imitiert: Winde, Stürme und Gewitter, Vogelstimmen, ein Hund, die Jagd, ein Bauerntanz und das Schlittschuhlaufen.
Auch wenn die Naturgewalten bei Vivaldi nicht immer einladend sind, so sind sie doch in seiner Weltsicht und Klimaerfahrung alltägliche, alljährliche Erscheinungen, auf die sich die Menschen eingerichtet haben – Jahr für Jahr, immer wieder, seit alters her. Letztlich ist es eine Natur-Idylle, die Vivaldi hier in Noten setzt, die übrigens im kommenden Jahr ihren 300. Geburtstag feiert. – Vivaldi ist bei Martin Walch und dem Merlin Ensemble Wien in den allerbesten Händen. Sie haben Erfahrung in der Zusammenarbeit mit Schauspielern und der Gestaltung von interaktiven Programmen. Musikalisch gestalten sie Vivaldi mitreißend, energiegeladen und frisch. Neben dem „Popstar“ Lesch können sie sich kongenial und entspannt behaupten – das macht das gesamte Konzert zu einem Erlebnis der allerfeinsten Kategorie.
Lesch selbst blättert in den nicht niedergeschriebenen „Galaktischen Chroniken“. Er berichtet mitreißend und voller Empathie von der Zusammenballung der Sonne und der Entstehung und dem Sterben von Planeten – er sieht alles viel größer und weiter als unsere kleine Sicht, die so oft nur bis in Nachbars Garten reicht. Er spricht über die Entstehung von Erde und Mond, die Funktion der menschlichen Zirbeldrüse und die ungeklärte Ursache der Frühjahrsmüdigkeit. Er schaut auf Wasservorkommen und Magnetfelder und beschämt Verschwörungstheoretiker, wenn er feststellt: „Ja, die Amerikaner waren auf dem Mond!“
Alles scheint bei ihm zusammenzugehören, ein großes System zu bilden, das System Erde, das System Erde-Mond, das System der Planeten, das Sonnensystem – und schnell begreift man, dass tatsächlich all das untrennbar miteinander verbunden ist und jede Handlung, jeder noch so kleine Eingriff, immer das ganze System betrifft. Mit einfachen Worten und schwerer Kost nimmt Lesch sein Publikum mit. Er verbreitet keine Angst, macht aufmerksam und will Bewusstsein schaffen für einen wunderbaren und einzigartigen Planeten, unser aller Heimatplanet, die Erde.
Es wird heißer auf der. Das Eis schmilzt. Die Erde verändert sich – „bald wird uns das Wasser bis zum Hals stehen“. 2022 haben wir die größte Dürre seit 500 Jahren erlebt. Der Yangtze, der drittlängste Fluss der Erde, Quelle für über 600 Millionen Menschen liegt ziemlich trocken da. Wir leben im Zeitalter des Feuers, dem Pyrozän.
Exkurs I:
Am 6. Juli 2023 war der heißeste Tag in Deutschland seit es eine regelmäßige Temperaturmessung gibt. Fast überall war es über 40° Celsius.
Wichtiger als regionale Temperaturdaten sind für die Wissenschaft die weltweiten Werte. Am 3. Juli 2023 betrug die durchschnittliche globale Temperatur 17,01° Celsius und erreichte damit ihren historischen Höchststand seit Beginn der belegbaren Temperaturmessung. Der vorherige Rekord aus dem Jahr 2016 lag bei 16,92° Celsius.
Exkurs II:
n der Wissenschaft ist es üblich, die Ereignisse der Erdgeschichte mit Begriffen aus der Geologie zu benennen. Die Entstehungszeiten von Gesteinen und Sedimenten stehen hier als Namensgeber Pate. Erst in der neueren Erdzeit haben sich zwei Begriffe entwickelt und eingeprägt, die nichts mehr mit geologischen Formationen zu tun haben – das Anthropozän (die Zeit, die von der Anwesenheit des Menschen auf der Erde und seinen Auswirkungen geprägt ist) und nun das Pyrozän (eine Zeit, die von zunehmender globaler Erwärmung geprägt ist, die die unkontrollierte Ausbreitung von Feuer und Mega-Bränden begünstigt).
Lesch gibt sich lustig und launig. Lesch weiß: „Die Erde kann ohne uns, wir aber nicht ohne die Erde“. Sein Fazit und sein Wunsch: er möchte nicht, dass eines Tages in den galaktischen Chroniken steht, dass sich die Menschen bemüht haben, aber es nicht gereicht hat. Denn: „Wir haben doch alle Möglichkeiten!“
Weitere Informationen und Aufführungstermine:
- 17. Dezember, Hof, Freiheitshalle (nur buchbar [Suchbegriffe Lesch Hof] über https://www.eventim.de/search/?affiliate=TUG&searchterm=lesch+hof)
- 19. Dezember 2024, Tonhalle Düsseldorf
- 20. Dezember 2024, Karlsruhe, Konzerthaus
- 30. Januar 2025, München, Prinzregententheater (die letzten drei Konzerte buchbar über: https://hanseatische-konzertdirektion.de/veranstaltungen/?eventartist=59&filterset=1#eventresult)
- Zahlreiche weitere Konzerte 2025 sind in der Planung.
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