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Izabela Matula (Katerina Ismailowa), Beniamin Pop (Priester), Sergey Polyakov (Sergej), Chor der Deutschen Oper am Rhein. Foto: © Sandra Then
Izabela Matula (Katerina Ismailowa), Beniamin Pop (Priester), Sergey Polyakov (Sergej), Chor der Deutschen Oper am Rhein. Foto: © Sandra Then
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Der Weg in den inneren Abgrund – Dmitri Schostakowitschs „Lady Macbeth von Mzensk“ in Düsseldorf

Vorspann / Teaser

2025 ist ein Schostakowitsch-Jahr. Vor fünfzig Jahren starb der 1906 in Sankt Petersburg geborene Russe in Moskau. Er war in der Sowjetunion geblieben und hatte Krieg und Stalin überlebt. Dass seine „Lady Macbeth von Mzensk“ schon bei ihrer Leningrader Uraufführung 1934 als Meisterwerk des zwanzigsten Jahrhunderts ein Volltreffer war, belegt auf makabre Weise auch der berühmt-berüchtigte Bannfluch, der es zwei Jahre später wie aus heiterem Himmel aus dem Kreml traf. Da war die Oper schon in Sowjetland auf und -ab mit großem Erfolg gespielt worden. Die Russen (er)kannten, was sie sahen und vor allem hörten nur allzu deutlich. Als die Prawda aber die Besprechung einer Aufführung mit „Chaos statt Musik“ titelte, entlarvte das nicht nur das ideologisch bornierte Kunstverständnis des damaligen roten Zaren. Für den Komponisten war so ein Stalin-Verdikt lebensbedrohlich.

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Die Düsseldorfer Oper kann die Deutsche Erstaufführung des Werkes 1959 für sich reklamieren. Die DDR zog erst zehn Jahre später in Leipzig nach. In Düsseldorf kam das Werk jetzt im aktuellen Schostakowitsch-Jahr, 50 Jahre nach seinem Tod, in einer Inszenierung von Elisabeth Stöppler neu auf die Bühne. Diesmal war Leipzig schneller, dort hatte die aktuelle Lady schon im Vorjahr ihre Premiere und bildet in diesem Jahr den Kern eines ganzen Schostakowitsch-Festivals, das Oper und Gewandhaus vom 15. Mai bis zum 01. Juni 2025 zelebrieren werden.

Dank des aus Belarussland stammenden Chefdirigenten an der Deutschen Oper am Rhein Vitali Alekseenok und den Düsseldorfer Symphonikern sowie eines exquisiten Protagonistenensembles lenkt ihre Inszenierung (mehr als andere in den letzten Jahren) den Blick demonstrativ auf die musikalischen Qualitäten der Oper. Heute kann man den Gefangenenmarsch ins sibirische Straflager kaum anders hören, als einen Trauermarsch auf die dunkelste Seite eines Russlands der echten und der roten Zaren und wohl auch von deren Nachfolgern. Es gehört zu Schostakowitschs subversivem Genie, dass man die „Hymne an die Sonne“, die der Pope bei der Hochzeit von Katerina mit ihrem Liebhaber anstimmt, auch als eine Parodie auf den Personenkult hören kann. Und wo wird eine korrupte Staatsmacht je treffender zur grotesken Kenntlichkeit entstellt, als in der Szene auf dem Polizeirevier? Auch der Stumpfsinn auf dem bildungsfernen Land und die aufbrechende, kaum gebändigte sexuelle Gier hört und sieht man in aller Deutlichkeit. Mit der zu seiner Zeit propagierten Zukunftsgesellschaft war das alles jedenfalls auf Kollisionskurs.

Besonders deutlich wird der Vorrang der Musik in Düsseldorf, wenn das Dutzend Blechbläser seinen Part sichtbar auf der Bühne oder vom obersten Rang aus beisteuert, was ihren Effekt erheblich verstärkt. Auch sonst nimmt sich die Szene mit ihrer geradezu sterilen Abstraktion von allem Naturalismus demonstrativ zurück und lässt immer der Wirkungsmacht der Musik den Vortritt. Keine russische Folklore, keine Blutstriemen, wenn Katerinas in flagranti erwischter Liebhaber Sergej von deren sadistischem Schwiegervater ausgepeitscht wird; kein Elendsmarsch in die sprichwörtliche sibirische Verbannung. Es bleibt durchweg beim Exemplarischen von Obsessionen und Traumata.

Wobei die dazugehörige Metaphorik manchmal etwas knirscht. Weil die Kaufmannsfrau Katerina sich an der Seite ihres Ehemannes demonstrativ langweilt, hat sie selbst im Schlafzimmer einen Mantel an und die Pelzmütze auf. Man versteht schon, dass sie damit auf emotionale Kälte reagiert, besonders geschmeidig ist das dennoch nicht. Weil das sterile, offene Raumlabyrinth, das Annika Haller unter einem Neonrahmen auf die Drehbühne gesetzt hat, eben doch in erster Linie an ein Haus erinnert und nur geringfügig variiert, auch für die Polizeiwache und den Weg in die Gefangenschaft den Raum bietet. Zumeist dominiert ein konturierender Schwarz-Weiß-Kontrast. Nur für die Kostüme der Titelheldin und ihrer späteren Rivalin auf dem Weg in die Gefangenschaft hat Su Sigmund Farben bereit. Für den Popen übrigens – eher augenzwinkernd – jenen weißen Steppmantel, mit dem der Papst auf KI generierten Fotos neulich zu sehen war. Sonst zielt alles auf eine nicht näher zu definierende Gegenwart.

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Izabela Matula (Katerina Ismailowa), Maria Polańska (Sonjetka). © Sandra Then
Izabela Matula (Katerina Ismailowa), Maria Polańska (Sonjetka). © Sandra Then
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Wenn das beim Marsch in die Verbannung mit seiner Tendenz zum Oratorium nachvollziehbar ist, bleibt es ein Verlust, wenn die groteske Überzeichnung der Polizeistation so eindeutig der Musik überlassen wird, wie hier bei der nur wie eine moderne Security schwarz uniformierten Truppe. Wobei Thorsten Grümbel seinem exzellent gesungenen Polizeichef auch eine entsprechende Choreografie hinzufügt. Die latente Gewalt, die bei der Polizei von Amts wegen herrscht, dominiert auch das Regime, mit der der alte Boris Ismailow das Haus seines Sohnes führt. Andreas Bauer Kanabas ist ein Gewaltmensch in den besten Jahren und mit einer markerschütternden Stimmgewalt. Der fuchtelt permanent mit seinem Lederriemen herum. Man zweifelt keine Sekunde an seiner Bereitschaft, damit zuzuschlagen. Ganz gleich, wen es trifft. Der hat hier alle an seiner Kandare, auch seinen Sohn Sionwi. Jussi Myllys hat dieser Gewalt kaum etwas entgegenzusetzen. Die Kraft zum Widerstand wittert der neu in diese geschlossene Gesellschaft kommende Sergej vor allem bei Katerina. Und sie bei ihm. Und so nimmt das Verhängnis seinen Lauf.

Dass Katerina dem Schwiegervater wie beiläufig Rattengift unter die nächtliche Pilzmahlzeit mischt und gemeinsam mit ihrem Liebhaber dann auch noch ihren Ehemann aus dem Weg räumt (die Leiche aber ziemlich dilettantisch versteckt), übersteigt dann doch ihre Kraft zum Ausbruch aus jeglicher Konvention. Wenn sie und Sergej heiraten, sind sie unter den Andeutungen von Frack und Brautkleid quasi nackt. Katerina sogar schwanger. Hier entfernt sich die ohnehin nicht realistische Ästhetik noch weiter von einer realen Welt hin zu einer Innenschau. Was freilich auch einen Gutteil der Eindringlichkeit einer Gulag-Imagination aufs Individuelle reduziert und damit verschenkt.

Musikalisch wird in dieser Produktion nichts verschenkt. So präzise und kraftvoll, so punktgenau und auch so suggestiv und zugleich grotesk in den Instrumentalpassagen hört man das selten. Izabela Matula ist eine phantastische Katerina, das Schicksal herausfordernd und dann am Scheitern ihres Ausbruchs leidend – für alles hat sie die vokalen Farben zur Verfügung. Als Sergej bietet Sergey Polyakov zur körperlichen Vitalität den Tenordraufgänger von Rang. Auch alle kleineren Rollen sind exzellent besetzt.

Besetzung

Deutsche Oper am Rhein: Schostakowitsch: Lady Macbeth von Mzensk

  • Vitali Alekseenok (Leitung), Elisabeth Stöppler (Regie), Annika Haller (Bühne), Su Sigmund (Kostüme), Volker Weinhart (Licht), Gerhard Michalski (Chor), Ándreas Bauer Kanabas, Jussi Myllys, Izabela Matula, Sergey Polyakov, Anke Krabbe, Sergej Khomov, Valentin Ruckebier, Torben Jürgens, Beniamin Pop, Thorsten Grümbel, Maria Polanska, Constantin Motei, Dae-Il Park, Mamuka Manjgaladze, Zhive Kremshovski, Düsseldorfer Symphoniker, Chor der Deutschen Oper am Rhein

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