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 Marktkirche zu Halle Foto: Thomas Ziegler
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Die Händelfestspiele 2016 in Halle – Nach 17 Tagen endeten die Händelfestspiele 2016 in Halle

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Schon die vielen Opern adeln das Programm der gerade beendeten Händefestspiele in Halle. Vier davon szenisch, zwei davon als traditioneller Repertoirebestandteil des Opernhauses. Was beides schon ein Alleinstellungsmerkmal ist. So wie das einzige deutsche Händeldenkmal mitten auf dem Markt der Geburtsstadt des Barockmeisters. Nachdem man es im letzten Jahr mit Unsichtbarkeit versucht hatte, waren die vom 27. Mai bis 12. Juni dauernden Festspiele diesmal auch wieder im Stadtbild präsent. Auch wenn bei der Vermarktung immer noch jede Menge Luft nach oben bleibt. Die künstlerische Bilanz freilich kann sich sehen lassen.

Die szenischen und konzertanten Opern im Opernhaus, in Bad Lauchstädt und Bernburg, die Konzerte von Größen der Szene, das ganze Drumherum – alles vom Feinsten, auch wenn mal Plätze frei blieben – über zwanzigtausend Kaufkarten wollen erstmal unters Festivalvolk gebracht sein. Ein Angebot für Kurzentschlossen vor Ort wäre die rechte Ergänzung. Aber wie dem auch sei, die dabei waren, haben Grund für eine positive Bilanz. 

Zum Finale im Orbit

Dabei bot die Programmdramaturgie vor dem traditionellen Openair-Abschlusskonzert mit großem Feuerwerk und der passenden Musik dazu sogar noch eine Opernpremiere im Goethe-Theater in Bad Lauchstädt: das erste mal seit 1965 gab es dort Händels selten gespielten „Publio Cornelio Scipione“ (1726). Die Produktionsfirma Parnassus Arts des Counters Max Emmanuel Cencic hat ihn in Verbindung mit den Festspielen produziert. Zur Verblüffung und Begeisterung des Publikums machte Angela Cleopatra Saroglou daraus einen Science-Fiction-Barock. Wem „Star Wars“ oder „Enterprise“ was sagt, war hier klar im Vorteil. Barock ja, aber diesmal nicht der von vor, sondern in 300 Jahren. Kaum vorstellbar, dass dieser opulente Luxus nur zweimal im Goethe-Theater zu bewundern gewesen sein sollte. Vielleicht waren ja die richtigen Leute im Haus, um diesen Blick aus dem Orbit auf Carthago Nova mit seinen zwei Monden und den dreifingrigen Bewohnern noch anderswo hin zu beamen. Dirigent George Petrou und seine Arminia Antenea im Graben, die Counter Yuri Mynenko, Xavier Sabata und Co sind dafür jedenfalls die richtige Mannschaft. 

Willkommen und Abschied

In Bad Lauchstädt wird gerade die Außenfassade des Goethe-Theaters überholt. Die Arbeiten an diesem Festspielort mit dem besonderen Reiz sind für die Festspiele unterbrochen worden. So clever war allerdings die Baufirma, die aus der Straßen zwischen Theater und Kurpark ein Schmuckstück macht, nicht. Die wollten gesehen werden und hoben sich die letzten Meter und Arbeiten für die Festspiele auf. Aber was solls – hier galt’s der Kunst.

Georg Friedrich Händels und Leonardo Vincis „Didone Abbandonata“, die zweite Festspielpremiere, hatte ihren Probelauf schon beim Heidelberger Koproduktionspartner, im Rokokotheater Schwetzingen. Auch da stand Wolfgang Katschner am Pult, doch in Bad Lauchstädt hatte er auch seine famose Lautten Compagney Berlin dabei, die wie für Goethes Theater maßgeschneidert ist. Oder umgekehrt. Jedenfalls ging bei dem Gemeinschaftswerk von Händel und Leonardo Vinci (1690-1730) die barocke Post gleichsam mit der Expresskutsche ab. Auf der Bühne wurde die Geschichte von Dido und Aeneas von Yoga Kim eher als Kammerspiel zelebriert. Die Geschichte vom Trojaner-Flüchtling Aeneas, der in Karthago bei Königin Dido fast vom Weg seiner historischen Mission (Italien gründen) abgekommen wäre, stammt von Librettistenstar Metastasio, funktioniert also. Mit einem abrupten Katastrophenende, zu dem Musik und Bilder ersterben. Nur Kerzen deuten an, dass die verlassene Dido sich und den Palast in Schutt und Asche legt. Ohne viel optisches Brimborium in einem farblich aparten Bühnenkasten steuern sie darauf hin: Rinnat Moriah ist die sopranschöne Diodne, Kangmin Justin Kim der von der Kette gelassene, grandios aufdrehende Sopranus Enea. Als aggressiven Eroberer Jarba ergänzten Altus Terry Wey, die beiden Mezzosopranistinnen Alexandra Paulmichl und Polina Artsis sowie der Tenor Namwon Huh das stimmlich fabelhaft Ensemble, dem man auch Dank der Kostüme der Ausstatter Margit Flagner und Hugo Holger Schmidt nicht nur mit Vergnügen zuhört, sondern auch gerne zusieht. Ein echter Festspielgewinn, der nicht nur Händel, sondern zugleich einen von ihm geschätzten Zeitgenossen präsentiert, dessen Wiederentdeckung grade begonnen hat. 

„Hippolyte et Aricie“ 

Die aktuellen Festspiele brachten auch eine – wie sich zeigte überfällige! – Erweiterung bei den Spielstätten: mit Bus oder sogar einer Dampferfahrt auf der Saale ging es erstmals ins Carl-Maria-von-Weber-Theater nach Bernburg. Nur noch fremdbespielt und doch liebevoll herausgeputzt, gleich neben dem Schloss. Schon als Event ein Volltreffer, auch wenn dort eher weniger gesungen wurde. Wobei die eleganten, sehr beweglichen und souverän geführten Marionetten von Marie Lenormand und Alain Buet die Mezzo- und Bariton-Hilfe bekamen, die sie brauchten. Ansonsten taten die drei Strippenvirtuosen, die Regisseur Jean-Philippe Desrousseaux anführte, auch vokal ihr Möglichstes, um der Parodie Beine zu machen, die er auf die Oper „Hippolyte et Aricie“ von Händels berühmtem Zeitgenossen Jean Philippe Rameau verfasst hat. Auf die hinreißende Barockbühne auf der der Bühne, mit all dem Prospekte- und Mechanikzauber, entsponn sich eine Version der Phädra-Geschichte. Die liebt ihren Stiefsohn und lässt jede Zurückhaltung fahren, als sie ihren Gatten tot wähnt. Der hat Ärger in der Unterwelt und kommt zurück. Göttin Diana sorgt für’s Happyend. Alles als wilder Mix aus Rameau-Musik, Comédie-Italienne und populären Liedern. Die Puppen sind mit Grazie dabei, die Puppenspieler mit geschickten Fingern und verbaler Attacke, die Sänger mit vokalem Glanz und die vor der barocken Bühne postierten Instrumentalisten des französischen Ensemble PhilidOr runden das Ganze unter Leitung der Violinistin Mira Glodeanu mit Eifer und ironischem Witz zu einem in sich stimmigen Gesamtkunstwerk der besonderen Art.

Lucio Silla 

Im Opernhaus in Halle gab es wie immer außer der Neuproduktion auch den Händel-Krimi aus dem Vorjahr: „Lucio Cornelio Silla“. Diese kurze aber gepfefferte Oper über einen ziemlich fiesen Diktator, der zwar angeschlagen ist, aber dennoch den großen Aufreißer gibt und unter den Augen seiner Ehefrau einem jungen Mädchen und der Frau eines Mitstreiters auf die Pelle rückt. Er will sogar die störenden Männer dieser Frauen beseitigen. Was aber eine Koalition der Vernünftigen, die Gattin Metella anführt, verhindert. Wie Stephen Lawless das erzählt, hatte schon bei der Premiere begeistert. Counter Filippo Minnecia ist noch stahlkräftiger und lockerer – ein hinreißender Fiesling. Romelia Lichtenstein beweist mit jedem Ton, warum sie die richtige Händelpreisträgerin ist. Aber auch der zwitschernde Jeffery Kim, Ines Lex, Anita Papoulkas, Eva Bauchmüller und Ulrich Burdack sind in Hochform. Das Händelfestspielorchster unter Enrico Onofri sowieso. 

Messias 

Was den Salzburgern ihr „Jedermann“, ist den Hallensern ihr „Messias“. Bei der aktuellen Version gab es in der Marktkirche das berühmte Hallelujah sogar zwei Mal, also den Händel-Hit schlechthin als Zugabe. Was passte, denn bei dieser Interpretation galt’s eh mehr der Musik, mit der sich Händel in (nur!) 24 Tagen im Sommer 1741 aus einer Lebens- und Schaffenskrise herauskatapultierte und in die Herzen seiner Mit- und Nachwelt schrieb. Vor allem dieser Neuanfangs-Schwung, weniger die kontemplative, religiöse Seite des Werkes mit der Collage von Bibelstellen oder gar der Ehrgeiz der Beteiligten, lupenreines Englisch zu liefern, schien Fabio Bonizzoni zu beflügeln. Vom Cembalo aus befeuerte er das Ensemble La Risonanza und den 17-köpfigen Coro Costanzo Porta geradezu. Und wenn Katherine Watson (Sopran), Markéta Cukrová (Mezzosopran), Krystian Adam (Tenor) und Fulvio Bettini (Bariton) ihre Soloparts beisteuerten, dann meinte man den Trotz des Genies zu spüren, dem das Publikum für seine Opern weggebrochen war und der sich nun den Oratorien zuwandte und gleich ein Meisterwerk lieferte.

Festspielalltag 

Auch mit ihren anderen Konzerten blieben die Händelfestspiele quasi im Luxusgang. Die Marktkirche und der Dom gehören zu den Spielstätten, die für einen authentisch besinnlichen Rahmen sorgen. Wobei sowohl beim „Festkonzert“ in der Marktkirche (das einfach so hieß) das sinnlich Mitreißende nicht zu kurz kam. Festspielniveau war durch die Interpreten gesichert: angereist waren die Vokalisten des Gabriel Consort und die Musiker der Gabriel Players unter Leitung ihres Gründers Paul McCreesh. Dazu die schwedische Sopranistin Ann Hallenberg. Das Konzert nahm einen ruhigen Anlauf mit dem Concerto grosso in D-Dur von Arcangelo Corelli (1653-1713). Für die Händel-Kantate „Donna, che in ciel“ („Herrin, du strahlst im Himmel“) kamen die Sopranistin und der Chor hinzu. Sie mit warmen Timbre, klarer Artikulation und sympathischer Ausstrahlung. Der Chor aus lauter handverlesenen Stimmen mit bestechenden Perfektion. Im zweiten Teil ging mit Händels „Dixit Dominus“ („So sprach der Herr“) die Post freilich richtig ab. Händel ist eben Händel, auch wenn er „nur“ Psalmen vertont. Fantastisch, wie da immer wieder das kreative und auf Neuerung versessene Genie durchbricht und wie dieser Chor mit all den notwendigen Solostimmen aufwarten kann! Nach dem gesungenen finalen Amen, war der Jubel euphorisch!

Unter dem flippigeren Titel „Händels iPod. Was klang dem jungen Händel in den Ohren?“ kam im Dom dann das geradezu Beschwingte zu seinem Recht. Da widmeten sich die vier Vokal-Solisten (Margaret Hunter, Juliane Sandberger, Harry von Berne, Ralf Grobe) und die sechs Musiker des Ensembles Capella de la Torre, dem Katharina Bäuml von der Schalmei oder Barockoboe aus die Einsätze vorgab, einer Melange aus kleinen aber feinen Stücken, mit denen Händel vertraut gewesen sein könnte. Allein die ungewöhnliche Kombination der alten Instrumente (schon die Namen klingen apart: von Pommer und Bassdulzian über Theorbe und Orgel bis hin zu Posaune und der nun keineswegs nach alter Musik klingenden Perkussion, sorgt für vorhändelschen Klangzauber. So könnte es in der Zeit des dreißigjährigen Krieges etwa geklungen haben, wenn zum Ratsempfang, zum Gottesdienst, zur Trauer oder zur Hochzeit (so die Gruppierung der ausgesuchten Schmuckstücke) aufgewartet wurde. Hätte Händel ein iPod unter der Perücke gehabt, dann hätten das seine Favoriten gewesen sein können. Händel selbst gab nur zum Schluss. Davor kamen Komponisten wie Praetorius, Zachow oder di Lasso zu Wort. Aber auch der Landgraf von Hessen-Kassel oder besonders überraschend und hitverdächtig: Johann Caspar von Kerll (1627-1693). Beim Verlassen des Domes hatte nicht wenige von der Nicht-iPod- dafür aber textsicheren Generation noch die Zugabe „Tanzen und Springen“ von Hans Leo Hassler auf den Lippen. Was ja eine besondere Art von Beifall ist.   

Hin- und Her

Christina Pluhar, ihr Ensemble L’Arpeggiata und ihre Gäste lieferten unter dem Titel „Handel goes wild“ – in der Händel-Halle einen Abend zum Zurücklehnen oder auf der Kante sitzen. Zum Genießen, zum Staunen, zum Jubeln! Für alles gab es reichlich Gelegenheit. Mit von der Partie: die Sopranistin Nuria Rial, Counter Valer Sabadus und die italienische Jazzlegende Gianluigi Trovesi. Am Veranstaltungsort war es mal wieder nur der eigene Name, der auf Händel und die Festspiele verwies. Ist dort halt so. Ansonsten aber vereinte er die exquisiten Künstler und ein gut gestimmtes, auch für Grenzerkundungen offenes Publikum, das sich im nicht ganz ausverkauften Saal von der Musizierfreude auf der nüchternen Bühne anstecken lassen wollte und reichlich Gelegenheit dazu bekam. 

Das Programm liest sich wie ein hübsches Querbeet von kleinen Instrumentalstücken hier, eine Händel-Arie für den Counter oder die Sopranistin dort, und dann natürlich ein paar Händel-Duette, bei denen sich die Stimmen auf betörende Weise umschmeicheln und verschlingen. Natürlich kommen die beiden Solisten auch als solche zum Zuge. Nuria Rial etwa mit ihrem „Piangerò la sorte mia“ („Beweinen werde ich mein Los“) der Cleopatra aus „Giulio Cesare“. Und dann die Engelsstimme von Valer Sabadus mit einem der Top-Hits von Händels Ruggiero aus der „Alcina“: Bei diesen „Verdi parti“ waren sie da, die absoluten Händel-Glücksmomente, wie sie nur Festspiele bieten, bei denen die Künstler so unverkrampft und souverän ihrem Stern folgen können, wie es bei Händel daheim eben der Fall ist … 

Das besondere an einem Abend mit Christina Pluhar und ihrem Ensemble, ist der wie selbstverständliche Wechsel zwischen den musikalischen Temperamenten und Zeiten. Die im Untertitel versprochenen Improvisationen machen zweifelsohne den besonderen Reiz des Abends aus. Wenn Pluhar mit dem Rücken zum Publikum vor ihren elf Musikern sitzt, mal auf der Theorbe mitzupfend, mal „nur“ pointiert dirigierend, mal bei den Improvisationen meist unter Führung von Gianluigi Trovesi an der Klarinette zuhörend, spürt man förmlich ihr verschmitztes Lächeln. Auch wenn man es nicht sieht, kann man es mithören. Nicht auszudenken, wenn sich dieses Ensemble mal dem Rückenwind von Händels Bravour-Arien aussetzen würde. Dann dürfte in der Händel-Halle wirklich kein Platz mehr frei bleiben. 

Auf dem Hochseil

Natürlich gab es auch die Einzelkonzerte. Wie das von Countertenor David Hansen im Festsaal der Leopoldina. Zu dem Privileg der Hallenser, nie für längere Zeit auf die Musik Händels verzichten zu müssen, gehört es auch, hier die besten Countertenöre der Welt live zu erleben. Durchaus eine Festspielrendite, ganz abgesehen davon, dass die ersten Schritte der Renaissance dieses Stimmfachs in der DDR von Jochen Kowalski in Halle unternommen wurden und mit Axel Köhler ein Altus sogar Opernintendant wurde. Doch seit die Counter weltweit Konjunktur haben und sich u.a. die von den Mezzosopranistinnen vertretenen Kastratenpartien zurückerobert haben, sind sie gefeierte Stars. Und an der Saale sind sie wieder zur Stelle: Benno Schachnter, Michael Taylor, Terry Way, Kangmin Justin Kim, Filippo Minnecia, Jeffrey Kim, Valer Sabadus – hier hat man wirklich den Vergleich und kann sich für seinen Favoriten nach eigenem Gusto frei entscheiden. Das gibt es so kaum noch irgendwo. Der smarten Australier David Hansen (Jahrgang 1981) wurde bei seinem Konzert von keinem Geringeren als Alessandro De Marchi und seiner Academia Montis Regalis begleitet, die selbst mit drei Vivaldi Concerti und einer Sinfonia glänzten, während Hansen mit artistischen Arien-Schmuckstücken aus „Giulio Cesare“, „Serse“ und „Agrippina“ seine Virtuosität und Lust an der spielerischen Variation eindrucksvoll vorführte. Aus dem „Se in fiorito ameno prato“ wurde ein üppig ausgeschmücktes kleines auch gespieltes Duett mit der ersten Geige. Da er sich nach u.a. drei Arsamene-Arien aus „Serse“ als Abschluss-Clou auf originelle Weise in den mitreißenden Schwung des „Ariodante“-Superhits „Dopo notte“ hineingeworfen hatte, musste er natürlich für die zweite Zugabe noch eins draufsetzen. Machte er auch. Ohne jede Risikoscheu mit einem fulminanten „Crude Furie“(Serse) und begeisterte restlos mit seinem angenehmen Timbre, den klar und sicher sitzenden Ausreißern nach oben und der gerne vorgeführten technischen Perfektion!

Zaubern gehört zu ihrem Handwerk

Am gleichen Ort übergab der Oberbürgermeister den Händelpreis 2016 an Romelia Lichtenstein. Klaus Froboese, der die Sängerin als Opernintendant 1995 fest nach Halle verpflichtet hatte, hielt die Laudatio. Mit sichtlichem Vergnügen, eine seiner besten Personalentscheidungen nach vielen Jahren auf diese Weise bestätigt zu finden. Er verwies denn auch auf die außergewöhnliche Fähigkeit der Sopranistin, bei der großen Vielfalt ihres Repertoires immer wieder zu Händel und den besonderen Anforderungen der barocken Gesangskunst zurückzukehren und die auf höchstem Niveau zu pflegen. Mit ihren mittlerweile zehn tragenden Händelpartien steht Romelia Lichtenstein als Künstlerin, wie keine andere für die Verbindung des vielfältigen Repertoirebetriebes eines Stadttheaters mit den Händelfestspielen, die sich im nationalen, ja internationalen Vergleich zu behaupten haben. Für den Händelpreis (der sein Gewicht besonders durch die illustren Namen der hochkarätigen Preisträger sozusagen aus eigener Kraft generiert) bedankte sich der Hallenser Publikumsliebling natürlich nach der Verleihung mit drei Zugaben (u.a. mit dem populären „Lascia chio pianga“ aus Händels „Rinaldo“. Als Rausschmeisser wiederholte sie noch einmal die furiose Arie der Orasia „Su, mio core, a la vendetta!“ aus Georg Philipp Telemanns musikalischem Drama „Die wunderbare Beständigkeit der Liebe oder Orpheus“, mit der sie im ersten Teil des Festkonzertes brilliert hatte. Was Bernhard Forck und sie da zusammengestellt hatten, ließ den Magdeburger Kollegen Händels so gut aussehen, dass man dank der frischen und zündenden Ausschnitte neugierig auf einen kompletten Telemann-Orpheus wurde. Was kann man mehr von einem Festkonzert verlangen! 

Im zweiten Teil dann: natürlich „Alcina“. Die furiose Interpretation und Darstellung von Händel Zauberin auf der Bühne in der Festspielproduktion vor vier Jahren hätte alleine schon als Begründung für den Händelpreis gereicht. Viele im Saal hatte beim „Di’, cor mio, quanto t’amai“ vor allem aber beim tieftraurigen „Ah! mio cor! schernito sei!“ und dem emotional aufwühlenden „Ah! Ruggiero crudel“ und der anschließenden großen Alcina-Arie „Ombre pallide“ sicher noch die Bilder dieser Inszenierung vor Augen, die Romelia Lichtenstein als stimmgewaltige Zauberin ins rechte Licht setzten. So wie sie, die Musiker und ihre Fans es an diesem Abend in der Leopoldina taten.

Fazit: In der Oper und in Bad Lauchstädt, in Bernburg und in der Händel-Halle, in Marktkirche und im Dom – überall gab es Festspielalltag vom Feinsten. Dazwischen ein Festspielmarketing mit jeder Menge Luft nach oben. 

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