Ehrfürchtige Stille herrscht für einen Moment in dem sonst eher quirligen Orchester. 50 junge Musiker betreten erstmals das Markgräfliche Opernhaus Bayreuth, in dem sie am Folgeabend konzertieren werden. Und diese einzigartige Kulisse kann schon beeindrucken. Der zwischen 1744 und 1748 von Prinzessin Friederike Sophie Wilhelmine von Preußen, Ehefrau des Bayreuther Markgrafen und Schwester Friedrichs des Großen, errichtete Theaterbau gehört zu den wenigen in Europa erhaltenen Theaterbauten des 18. Jahrhunderts und ist noch heute ein Kleinod. Für den 1994 gedrehten Film „Farinelli“ diente das Theater immerhin als Kulisse der Opernszenen. Und regelmäßig finden hier auch Konzerte statt.
Das Orchester, das am 31. Juli – am spielfreien Abend während der Wagner-Festspiele – hier seinen Auftritt hat, setzt sich aus Musikstudenten aus ganz Deutschland zusammen. Initiator des Orchesterworkshops, an dem sie eine Woche lang teilgenommen haben, ist die Junge Musiker Stiftung Bayreuth. Deren Leiter Manfred Jung erklärt das Konzept in einem Satz: „Ziel ist es, junge Musiker zu fördern“. Der Tenor, der unter anderem im „Jahrhundert-Ring“ von Patrice Chéreau den „Siegfried“ gesungen hat und auf den großen Bühnen der Welt zu Hause war, kümmert sich nun um den Nachwuchs. Das Projekt in Bayreuth war der zweite Orchester-Workshop, den die noch sehr junge Stiftung förderte. Manfred Jung hat sich dafür selbst ans Dirigentenpult gestellt. Erfahrung als Orchesterleiter konnte er reichlich sammeln. Der gebürtige Oberhauser hat schon zahlreiche Konzerte der Essener Philharmonie dirigiert, ebenso den Philharmonischen Chor der Stadt Essen. Nun also ist ein Jugendorchester an der Reihe. Und Manfred Jung macht, wie fast jeder, der einmal mit einem jungen Ensemble zu tun hatte, die Erfahrung: „Die jungen Leute wollen einfach.“ Sie üben weit über die Proben hinaus, und wenn sie nicht mehr üben, stellen sie sich zur Jazz-Session in die Bayreuther Fußgängerzone. Und wenn die erste Probe am Konzertort zeigt, dass der Orchestergraben eigentlich nur für 30 Musiker gedacht ist, finden sich sofort ein paar junge Musiker, die den ganzen Apparat so umbauen, dass eben doch alle 50 ihren Platz finden und dabei auch noch angemessene Bewegungsfreiheit haben.
„ Wir sind ganz schön platt“, sagt eine Geigerin am vorletzten Probentag und berichtet über den Ablauf. Wurde zunächst drei Tage lang mit erfahrenen Dozenten aus großen Orchestern in Stimmgruppen gearbeitet, so hat Manfred Jung am vierten Tag begonnen, Hand anzulegen und das ganze zum Orchesterklang zu formen. Ob ein reines Wagner-Programm in der Wagner-Stadt zur Zeit der Wagner-Festspiele nicht zu gewagt ist? Nein, meint Jung. Im Übrigen ist gerade dieses Programm sehr von seiner Person geprägt. Dass er in Bayreuth, wo er so oft den „Siegfried“ gesungen hat, das „Siegfried-Idyll“ spielt, liegt auf der Hand. Ein ähnlicher Bezug besteht zu den Wesendonk-Liedern, die in der Entstehungszeit des „Tristan“ komponiert wurden und teilweise stark von der Oper geprägt sind. Auch der Tristan gehörte zu den Paraderollen von Manfred Jung. Schließlich die fast unbekannte erste und einzig vollständige Sinfonie von Richard Wagner, die er als 19-Jähriger schrieb. Darauf war Jung einfach neugierig, ebenso wie die jungen Musiker, die das Werk auf diese Weise kennenlernen durften. Eher an Beethoven als an Wagner erinnert das Frühwerk des Komponisten. Das Orchester spielte es differenziert und mit großer Begeisterung. Sehr zart musiziert waren die Wesendonk-Lieder. Kurzfristig eingesprungen für die erkrankte Eva-Maria Westbroek, gelang Carol Wilson allerdings nicht immer die Durchdringung des Orchesterklangs. Die Arbeit mit einem Sänger als Dirigenten, so Wilson, sei etwas Besonderes, weil er die gesanglichen Phrasen aus der eigenen Erfahrung heraus so gut nachvollziehen und mitgehen könne.
Vom großen Bayreuther Komponisten geprägt war das Orchester-Projekt auch über die Proben hinaus. Jungs gute Kontakte zum Festspielhaus machten möglich, was eigentlich nicht möglich ist: eine Führung durch den Wagner-Tempel während der Festspiele. Daneben natürlich ein gemeinsamer Besuch im Haus Wahnfried, dem Wohnhaus von Richard und Cosima, das heute als Wagner-Museum dient.
Und wie geht es weiter? Neben den zahlreichen Gesangsprojekten, Wettbewerben wie Meisterkursen, wird die Stiftung auch weiterhin Orchester-Workshops anbieten. Der nächste soll schon im Herbst stattfinden. Bewerben können sich wieder Musikstudenten aus allen Hochschulen, wobei sicher einige inzwischen „alte Hasen“ dabei sein werden. Mit anderen wird Manfred Jung nicht mehr rechnen können. Sie erwartet bereits das erste Engagement in großen Orchestern. Wenn er von den „jungen Leuten“ spricht, beginnt das Gesicht des Sänger-Dirigenten zu strahlen. Schon vor dem Konzert berichtet er: „Heute Abend werden wir in einem richtig guten fränkischen Gasthof feiern. Und da fahre ich mit dem Taxi hin. Ich werde mit den jungen Leuten noch richtig Spaß haben.“ Daran gibt es keinen Zweifel.