An der Semperoper wagt man sich mit einem künstlerisch-deklamierenden Appell ins Zeitgeschehen. Ein Balanceakt.

Harmonisch dissonantes Pasticcio „Ändere die Welt“ in Dresdens Semper Zwei
Allein mit Luftveränderung ist es nicht getan. Um die Welt (wieder?) zu einem lebens- und liebenswerten Ort werden zu lassen, muss viel mehr geschehen. Wo also anfangen?
In der Oper! Am besten mit einem Potpourri. Da ist vielleicht für jeden etwas dabei. Aufklärung und Bildung, Sentiment und Entsetzen, nicht zuletzt auch Unterhaltung sowie eine schlimme Spur von Abscheu. Über den heutigen Zustand der Welt. Wie sie ist und was der Mensch daraus gemacht hat. Denn er ist es doch, der noch und noch eingreift, frei nach dem Motto unsäglicher Glaubensdoktrinen von Kirche, Kommunismus und Kapitalismus: „Macht euch die Erde untertan!“
„Ändere die Welt!“ klingt zunächst einmal nicht anders. So soll es einst Bertolt Brecht in seiner „Maßnahme“ postuliert haben – dazu freilich der Annex „sie braucht es.“ Heute mehr denn je, mag sich ein Kreativkollektiv um den Regisseur Mart van Berckel gedacht haben, als es das gleichnamige Pasticcio erarbeitet hat. Die Semperoper Dresden hat diese Koproduktion niederländischer Opernensembles von Amsterdam, Enschede und Maastricht nun auf seiner kleinen Spielstätte Semper Zwei herausgebracht. Das Ergebnis ist zugleich Ausdruck einer änderungsfähigen Spielplanpolitik, denn mit diesem Stück wagt sich das sonst so soignierte Haus deklamatorisch ins Zeitgeschehen.
Reste der Revolution
Laut Programmzettel spielt die Szenenfolge am ersten Tag nach einer Revolution. Sie muss chaotisch gewesen sein. Zerfetzte Stühle, wie man sie aus frühem Schulbetrieb kennt, liegen kreuz und quer auf dem Boden. Bildung hat ausgedient, könnte das heißen. Oder nichts genutzt. Die Geräuschkulisse kündet vom Durcheinander, eine scheinbar weltentfernte Fee übertönt diese Kakofonie und stanzt Aufrufe in den Raum, mit Fragen durchwirkt, die sich allesamt um den Sinn und Unsinn der Weltenkriege drehen. Wozu braucht es Grenzen, Konkurrenz und Konflikte? Was gibt es von Menschen gegen Menschen zu verteidigen, hätte es wirklich keine friedlichen Wege gegeben? Ganz in Weiß ist diese Sprecherin gekleidet (Amara van der Elst), schier überirdisch liest sie den Resten der Revolution die Leviten.
Da sind einige Musiker, die ihre Instrumente aus den Wirren gerettet haben und sich nun wieder formieren, da ist eine Mutter mit ihrem Sohn, der auf jeden Fall eine bessere Zukunft haben soll als die eines uniformierten Kriegsknechtes. Kein Kind ist dafür geboren, Kaiser und/oder Generäle anzubeten, für eine Nation gegen andere zum Mörder zu werden, Menschen zu hassen, zu bekämpfen und sich bekämpfen zu lassen.
Die nicht mal eineinhalbstündige Abfolge der Szenen und Stückzitate lebt von einer dramaturgisch überzeugenden Klammer, die dem Publikum unter die Haut geht, es bedrückend in Atem hält. Mit reichlich Text von Brecht zu Musik von Eisler und Weill, aber auch zu Zitaten von Robert Schumann und Richard Wagner – beide wirkten ja zur 1848er-Revolution in Dresden, wenn auch beide sehr verschieden! –, von Auber, Rachmaninow, Schoeck und Schostakowitsch wird ein innerer Zusammenhalt geformt, der mal romantisierend, mal larmoyant, mal revoltierend und mal resigniert klingen kann. Ein echter Ausweg scheint nicht in Sicht, klar ist nur, dass es so nicht weitergehen kann mit den Menschen und mit der Welt. Aber was ist der Wandel, wenn er nur vorübergeht?
Homogene Ensembleleistung
So harmonisch dissonant haben Agitprop und Moderne, Romantik und frühe Klassik wohl noch nie zusammengewirkt wie hier. Die mitreißend bedrückende Wirkung dieses Pasticcios verdankt sich in erster Linie einer äußerst homogenen Ensembleleistung, in der spielerisches und sängerisches Können eng zusammengehen. Ob Pedro Beriso, der vom Klavier aus das kleine Projektorchester (vier Streicher nebst Flöte, Klarinette und Fagott) sowie die vier Sänger-Darsteller musikalisch leitet, ob die faszinierende Spoken-Word-Künstlerin oder der in einer überwiegend stummen Rolle mitwirkende Knabe – hier wurde ein Balanceakt gewagt, der großen Anspruch verfolgt und in summa weit mehr ist als das persönliche Engagement der sich schonungslos einbringenden jungen Künstlerinnen und Künstler.
Die Welt braucht dringend einen gravierenden Wandel. Warum nicht mit Luftveränderung beginnen, zum Beispiel in Theaterluft?
- Termine: 21., 27. und 28. Dezember 2024 sowie 2., 4. und 7. Januar 2025
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