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Szene aus dem Abschlusskonzert der Darmstädter Musikwerkstatt für Kinder unter der Leitung von Verena Wüsthoff. Foto: Maria Hörl
Szene aus dem Abschlusskonzert der Darmstädter Musikwerkstatt für Kinder unter der Leitung von Verena Wüsthoff. Foto: Maria Hörl
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Hellhörigkeit als Gabe im Räderwerk der Natur

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Mit der 67. Frühjahrstagung des Instituts für Neue Musik und Musikerziehung „ins Offene“
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Merkwürdige Natursehnsüchte machen sich breit. Ein Gefühl von Bringschuld gegenüber der Natur schleicht sich ins Tagesgeschäft. Müssen wir Natur in Form bringen? Was ist das Naturschöne? Die Poetik verlockender Naturklänge? Welche musikalischen Assoziationen birgt die zeitgenössische Musik? Die 67. Frühjahrstagung des Instituts für Neue Musik und Musikerziehung e.V. in Darmstadt suchte zum Thema „Neue Musik und Natur“ mit der Frage „Ins Offene?“ nach Antworten und signalisierte damit nicht nur Offenheit, sondern auch kluge Voraussicht, wohl wissend, dass die Antworten nur lückenhaft sein können.

In Annäherung an diese Themenstellung wurde ein mit äußerster Sorgfalt konzipiertes Programm angekündigt, welches sich in fünf Themenblöcke teilte. Zeitgleich liefen mehrere Workshops mit praxisbezogenen Inhalten für eine Hörerschaft primär aus den musikpädagogischen Bereichen. Wenngleich die Konzerte am Abend nicht als Schwerpunkt der Frühjahrstagung angesehen werden wollen, so besitzen sie doch eine gewisse Drehscheibenfunktion. In der Draufsicht der zu erwartenden Referate scheint sich diese erst allmählich zu erschließen und tendenziell hochzurechnen. Die eingeladenen Referenten – Komponisten, Wissenschaftler und Pädagogen – vermochten in ihrer Art und Weise des Herangehens an die Thematik ein bemerkenswert breit gefächertes Gedankengut in die Diskussion einzubringen.

Der Eröffnungsabend der Arbeitstagung in der Akademie für Tonkunst in Darmstadt gehörte Robin Minard. Die Gewichtung seines Vortrags lag auf den so ungemein vielfältigen Formen des Hörens. Hörerlebnisse, Hörerfahrungen oder Gewohnheiten des Hörens lassen sich nirgendwo festmachen. Vermutlich ist Hellhörigkeit die einzige Gabe, die die Natur den Menschen auf ihren musikalischen Weg mitgibt. Auf welchem Unterboden solche Begrifflichkeiten ruhen und wie sie im Kontext zu eigenen, in mehreren Beispielen angedeuteten und vor Ort präsentierten Installationsprojekten („Das Buch der Räume“) stehen, wusste Minard anschaulich darzustellen.

Den Betrachtungen zu den Themenblöcken soll ein Zitat James Dillon`s vorausgeschickt werden: „Wenn man an der Westküste Schottlands aufgewachsen ist, dann kann man einfach keine rosigen Vorstellungen von der Natur entwickeln: Sie befindet sich in ständiger Veränderung.“ Das schließt die Beobachtung ein, dass wir in einer vollkommen irrationalen Welt leben, die wir aber gleichwohl als selbstverständlich hinnehmen. Die Varianz des Naturbegriffs, sowohl im Zurück als auch im Nach-Vorn-Denken konnte im ersten Themenblock zum ästhetischen Prinzip erhoben werden. Im Eingangsreferat benannte Jörn Peter Hiekel die veränderten Formen gesellschaftlicher Gewalt gegen die Natur, die auch dann sichtbar wird, wenn Menschen gedankenlos ins Klischee verfallen. Solcherlei Tendenz ist mit bloßem Kopfschütteln nicht zu begegnen, wenngleich deren Spuren, auch auf künstlerischen Gebieten, nicht so leicht auszumachen sind. Es gibt aber auch andere Ansätze. Hiekel verweist auf Peter Ablingers „Arboretum“ in Ulrichsberg (die Anordnung der Bäume richtete sich nach Klangfarbe und Lautstärke des Baumrauschens), auch auf Helmut Lachenmanns „… zwei Gefühle …“ (Musik, die den kritischen Stachel in sich bewahrt). In vielen weiteren Beispielen konnte er bereits einigen noch folgenden Themenstellungen ökologischen, philosophischen oder auch soziobiologischen Inhalts vorgreifen. Wolfgang Welsch richtete den Fokus auf die Neubestimmung des Verhältnisses von Kultur und Natur, humaner und animalischer Ästhetik. Sein Fazit: Ohne seine animalische Erbschaft wäre der Mensch zu keinem Schritt auf kulturellem Weg imstande. Ein fraglos prekäres Phänomen auf diesem Weg scheint die Verminderung der Relevanz bei Jugendlichen, die Natur gar nicht mehr bewusst wahrnehmen, mehr und mehr als Kulisse betrachten und schon hinreichend aus den Medien zu kennen meinen. Somit könnte dieser Weg durchaus ein steiniger werden. Wolfgang Lessing suchte in seinem Vortrag nicht nach der Schuld an diesem Desaster, sondern wagte Gegenüberstellungen durch Vorstöße in andere Kulturen.

Was aber treibt Komponisten in die Natur? Warum verlassen sie die angestammten Räume musikalischer Präsentation, die ja auch erst errichtet werden mussten, und verlegen ihre Arbeit ins Freie? Was finden sie dort vor? Naturklänge, eine gezähmte oder imitierte Natur, Naturereignisse (auch Katastrophen), Naturmaterialien, auch Düfte -–die Liste ließe sich beliebig fortführen. Helga de la Motte-Haber stellte diese Begriffe in einen Kontext zu subjektzentrierter Kunst („Über den Teichen“ von Andreas Oldörp beispielsweise, in dessen Installation ein Kreis im Wald aufgestellter Kupferstelen eine Klanghülle aus Tönen über die Landschaft legt). Weitere Denkanstöße kamen von Ursula Brandstätter, die am Beispiel des Fes-tivals Rümlingen 2011 Konzept-Musik in der Landschaft vorstellte. Die Ästhetik des Wahrnehmens, die Erfahrung von Landschaft, Sprache als formgebende Funktion, das Verknüpfen von Innen und Außen, Subjekt und Objekt als Essenzen der Konzept-Musik standen im Zentrum ihres Vortrags. Musik, wie sie heute vor uns steht, hat fraglos mehrere Wurzeln, die sich ineinander verschlingen, Kontakt nehmen und sich auch wieder trennen. „Draußen“, in der 300-Seelen-Gemeinde in der Schweiz, führt Daniel Ott seit 1990 dieses Festival. „Draußen“ war auch das Thema seines Vortrags, und „vor Ort“, also in den Grünanlagen der Akademie, fand das einzige Hörexperiment statt: eine Minute draußen hören, drinnen vorstellen, dann der „Partitur“ folgen und ausführen, also nachahmen mittels emotionaler Lautgebung. In der Summe eine verblüffend identische Applikation.

„Die meiste japanische Musik drückt sich nicht selbst aus, sondern sie sucht Einklang mit der Natur.“ Dieser Satz stammt von Toshio Hosokawa und soll als Brückenschlag zum Themenblock 3 dienen, der in drei Referaten den Naturbezügen im Schaffen des Komponisten, auch im Verhältnis zur japanischen Tradition, nachzuspüren suchte. Das Intuitive als Wesensmerkmal japanischer Musik, ihre Zeichensetzung, also das Optische der Komposition rückte Elena Ungeheuer in den Vordergrund ihrer Betrachtungen und stellte es in einen kausalen Zusammenhang zum Prozesshaften der Natur. Die Kunst der Kalligrafie (ein Pinselstrich wird zum Federstrich in der Partitur) rückte Walter-Wolfgang Sparrer in den Mittelpunkt. Letztendlich war es Hosokawa selbst, der Querverweise zur Urenergie von Natur (dafür gibt es im Japanischen das „Ki“) und deren Vergänglichkeit herstellte und anhand seines Atem-Lieds für Bassflöte (Yin: einatmen, Yang: ausatmen) ein Beispiel aufzeigte. „Sen I“ und „Birds Fragments III“ des Komponisten, die im zweiten Konzert erklangen, sind Teile einer Idee, die eine ganze Reihe von weiteren Stücken, im gleichen Geiste stehend, ausgelöst hat.

Welche Aspekte ökologischen Denkens, die über die reine Programmatik hinausgehen und in das weite Feld des (unverantwortlichen) Umgangs mit der Natur hineinragen, schlagen als Inhalte zeitgenössischer Musik zu Buche? Matthias Lewy konnte zunächst aufgrund eigener Forschungen in Amazonien verdeutlichen, dass kulturelles Gedächtnis zwar über den Klang transportiert wird, trotz allem aber auch Verfremdungen unterliegt, also angepasst erscheint.

Das „gegen-oder miteinander?“ von Mensch, Musik und Natur, das die Sehnsucht nach Eingebundenheit in die Natur impliziert, verstand Rainer Nonnenmann profund auszutarieren. Denn überall wird das Machbare ausgereizt. Die These, dass ein grassierender Verbrauch auch von musikalischem Material (durch die Avantgarde) dem Raubbau an der Natur in nichts nachsteht, blieb in der anschließenden Diskussion nicht unkommentiert. Früher waren Komponisten ideologisch geprägt, heute agieren sie als Retter der Natur. Aber Musik und Ökologie haben nichts miteinander zu tun.

Das „Ritual“ von Georg Friedrich Haas, eine Verbindung aus Faszination und Beklemmung mit fraglos verblüffenden Effekten, verdient an dieser Stelle noch verankert zu werden.

Eine Komponistin, die die Besessenheit hat, das scheinbar Unmögliche immer wieder zu versuchen, ist Olga Neuwirth. Die Natur als Auslöser ist in vielen ihrer Werke, die sich in keine Schublade wie auch immer gearteter Stilistika einordnen lassen, gegenwärtig. Auf der Darmstädter Tagung wurde der Film … durch Luft und Meer … gezeigt. Das Zeitlose, Kalte, Karge als Metapher für Gefühlskälte wird in hohen Tonlagen verortet und durch Sequenzen von Einblendungen stark vergrößerter Schneekristallgebilde untergliedert. Das spontane Hervorquellen der Lust am Klang, der für Neuwirth immer etwas Künstliches ist, wusste Stefan Drees, Kenner der „Materie“, souverän darzustellen. Gar nicht eisig dagegen ist „Lonicera caprifolium“ (Geißblatt), dessen Wachstumsverhalten in den nervösen Stimmen des 15-köpfigen Instrumentalensembles, die sich ineinander windend empor schrauben, ein Pendant findet. Solch Gewächs vor Augen, konnte man schmunzelnd Wolfgang Rüdiger zuhören – nicht immer müssen Säulenheilige aufgerichtet werden.

Die Tagungs-Konzerte wirkten wie eingehängt in ein Gerüst, das Schieflagen nicht zulässt. Die Stücke schienen das am Tag Gehörte zu subsumieren: Alvin Lucier („wind shadows“), der dem Klang und seinen Resonanzen immer wieder Geheimnis einhaucht, Øyvind Torvund („neon forest space“) mit einem Arsenal an Geräuschquellen, Volker Staub mit „Curare“, einem indianisch angelehnten, sich zu Darbietungsketten sammelnden Stück. Daniel Lorenzo spielte eine Uraufführung von Daniel Smutny, „Lakeview peak“ für Klavier, eine rhythmisch-intervallisch unterfütterte Assoziation zum Schmelzen von Eis und den dann einsetzenden Fließbewegungen. Ganz andere Koinzidenzen suchte Clemens Gadenstätter in seinem für Cello und Klavier komponierten „bersten/platzen b“ herzustellen, indem er das durch Reife hervorgerufene Aufplatzen in der Natur dem durch Tortur am Menschen zugefügte entgegenstellte. Dagegen schien das „Märchen vom Lied vom Wald“ von Georg Nussbaumer wie ein Totläufer. So kann man sich auch über den Geschmack hinweg mogeln. Im Nachtkonzert erklangen Stimmen aus der Vergangenheit, Schreie von ausgestorbenen Vögeln, weiblichen Fabelwesen („Aglaope“), kooperierend mit der Bassklarinette, die Michael Riessler spielte. Eine Offenbarung. So kann man auf die schöpferische Tat blicken und sich von ihr anregen lassen in dem Bewusstsein, den Weg nicht zu kennen, aber an seinem Finden mitzuarbeiten. 

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