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Gaia 24. Foto: Valeriia Landar
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Schutzwall gegen Melancholie und Zerrissenheit: Opera Aperta mit „Gaia-24“ beim Berliner Festival Schall&Rausch

Vorspann / Teaser

„Wenn die Erde eine reiche Ernte beschert, seid bereit für einen großen Krieg. Wenn die Meere austrocknen, die Flüsse ihren Lauf ändern und die Wälder durch die Strahlung unbewohnbar werden — dann wird das Reich bald untergehen. Wenn das Ende der Welt kommt, verschmelzen die Erde und der Himmel zu einer endlosen Linie. So spricht Gaia, Terra, Maga, Mutter Gaia zu uns.“ – Mit diesem Konzepttext trat das ukrainische Musiktheater-Kollektiv Opera Aperta zu seiner neuen Produktion „Gaia-24. Opera del Mondo“ bei den Musiktheatertagen Wien 2024 an. Beim Festival Schall Opera&Rausch der Komischen Oper Berlin folgte am 14. Februar 2025 die deutsche Erstaufführung. 

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Sie denken nicht daran, nur zu lamentieren. Trotzdem ist die neue Arbeit des ukrainischen Ensembles Opera Aperta hochpolitisch. Auf „CHORNOBYLDORF“, einem Musiktheater über das ehemalige Atomkraftwerk Tschernobyl, folgte jetzt bei der dritten Ausgabe vom Festival Schall&Rausch der Komischen Oper Berlin an Spielstätten in Neukölln „Gaia-24. Opera del Mondo“. Im KINDL – Zentrum für zeitgenössische Kunst ist die Halle mit dem Café weitaus spektakulärer als der für das zweimal restlos ausverkaufte Spektakel etwas zu enge Veranstaltungssaal. Aber das Dutzend performender Musikakteur:innen und die „Eine-Welt-Oper“ brauchen ein klar definiertes Podium für die vier Teile als knapp zweistündigen Collagenopus für Fotografie (Denis Melnik), Live-Elektronik und Live-Video (Olena Shykina). Die Sprengung des Kachowka-Staudamms durch mit hoher Wahrscheinlichkeit russische Kriegseinheiten im Juni 2023 war Anlass für ein technisch auffrisiertes Parabelspiel über die Renaturierung zivilisatorischer Industrieerrungenschaften nach deren Funktionsuntüchtigkeit bzw. gewaltsamer Zerstörung. 

Zugleich ist „Gaia-24“ ein Methoden-Kompendium der Musikperformance. Zu Beginn gab es einen Beitrag mit Folkloreliedern und -tänzen von einer angesichts der Kriegssituation fast arglosen Naivität. Von einem Nationalensemble unterschied sich die immer leidenschaftlichere Inbrunst des Gesangs, dann eine nahezu ekstatische Enervierung. Als Symbol für die Überflutung mit damit verbundenen Gefahren agierten im zweiten Teil alle Mitwirkenden nackt – mit massiv hämmernden Beats und ungewöhnlichen Arten der Tonerzeugung. In grotesker Entfesselung traten sie in einen makaber-artistischen Umgang mit den Instrumenten. Die Komponisten Roman Grygoriv und Illia Razumeiko unter ihnen, einer der beiden im kurzen roten Paillettenkleid. 

Trotz des ernsten Hintergrunds agiert Opera Aperta frech und laut, mit einer schrägen Begeisterung an Opposition und hohen Phonzahlen. Die Kontraste wirken eingangs etwas gewollt. Erst gegen Ende gewinnt die Performance-Suite an höherer, schließlich alle Einwände zum Verstummen bringender Eindringlichkeit. Teil Drei wird zu einer wüsten Collage mit Einsprengseln von Bach, Pergolesis „Stabat mater“ und dem martialischen „Dies irae“ aus dem Verdi-Requiem. An Ende eine Folge von Videomomenten: Einzelne Mitwirkende erscheinen vor aus Trockenheit rissigem Erdreich als Reminiszenz an den zerstörten Stausee – versehrt wie von einer kollektiven Tragödie. 

Der Aufführung folgte das Publikum in gebannter und sympathischer Aufmerksamkeit. Das Ensemble verausgabte sich mit Gesang, Tanz und Instrumenten, was das Publikum zu noch größeren Applauswellen herausforderte. Die Fragmentierung des musikalischen Materials und die Lautstärke-Explosionen konnte man als Erosion von Kultur im Krieg verstehen, aber auch als frenetischen Schutzwall gegen die eigene Melancholie und emotionale Zerrissenheit. An der politischen Haltung blieb nach den Begrüßungsworten gegen den russischen Angriffskrieg kein Zweifel. Beim Schlussapplaus wurde die ukrainische Nationalflagge gezeigt. 

Kritik oder kritische Würdigung ist unter solchen Vorzeichen nicht möglich. Opera Aperta reiht bekannte Mittel, welche hier eine essenzielle Dringlichkeit gewinnen, mit physischem Totaleinsatz und lauten Stimmen. Über diesen Schlusspunkt bei seiner dritten und letzten Projektleitung für das Festival Schall&Rausch kann sich Rainer Simon, der im Sommer die Leitung der Neuköllner Oper von Bernhard Glocksin übernehmen wird, freuen. Das Konzept eines Angebots für die Musiktheater-Szene und das Nachtleben-Publikum ging erfolgreich und mit lautem Zuspruch auf.

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