Drei Themenbereiche umkreiste die diesjährige Maerzmusik: aktuelle Entwicklungen bei einem bestimmten Instrumentarium – dem Schlagzeug –, einer Aufführungsform – dem Musiktheater – und einer Region – den islamisch geprägten Ländern des Mittelmeerraums.
Damit bot das zehntägige Festival Zugänge zur Musik über die Klangquelle, die Darbietungsart und die geographische Herkunft. Das Eröffnungskonzert mit der Gruppe Slagwerk Den Haag richtete den Blick auf die Schlaginstrumente, die in der Musik des 20. und 21. Jahrhunderts eine tragende Rolle spielen, seitdem das Interesse nicht mehr allein den Tönen, sondern auch dem Klang und dem Geräusch gilt. Ein einziges Werk stand auf dem Programm, die einstündige Komposition Timber (2009) des US-Amerikaners Michael Gordon. Der Mitbegründer des New Yorker Ensembles „Bang on a Can“ verwendete hier schlichte Holzbalken, auf denen sechs Musiker in ausdauernder Virtuosität mit Holz- oder Metallschlägeln hämmerten. Zunächst faszinierte, wie sich die minimalistischen Repetitionsfelder und die Obertöne allmählich veränderten, wie der Klang von Spieler zu Spieler und damit durch den Raum wanderte. Spätestens nach einer hal-ben Stunde verlor dies an Reiz, zumal Gordon kaum über das hinausging, was Steve Reich schon 1971 in „Drumming“ vorgeführt hatte.
Die Schlagwerkvirtuosen Robyn Schulkowsky und Joey Baron wurzeln in unterschiedlichen Welten – der zeitgenössischen Musik und dem Avantgarde-Jazz –, trafen aber sofort einen gemeinsamen Nerv, wenn sie mit fast kindlichem Entzücken ihr reichhaltiges Instrumentarium traktierten. Mehr als mit Stücken von Christian Wolff beeindruckten sie bei Improvisationen, besonders dann, wenn sie sich auf einem einzigen Instrument, dem Bambus-Xylophon, auf Rhythmus und Spieltechnik konzentrierten. Die fabelhafte Robyn Schulkowsky war auch die Solistin in Helmut Lachenmanns schon 1968 entstandener Komposition „Air“ für großes Orchester und Schlagzeug-Solo. Das geräuschhafte, von rhythmischen Korsetts befreite Schlagzeug war hier der Ausgangspunkt für die Aktionen der Orchesterinstrumente, so dass sich im Zusammenspiel mit dem von Arturo Tamayo geleiteten Konzerthaus-Orchester spannende Übergänge zwischen Solo und Tutti ergaben. Gegenüber diesem Meilenstein der Musikgeschichte fielen „Formes“ (1966) des Messiaen-Schülers Jean-Pierre Guézec ebenso ab wie der überkomplexe, vier Orchester mit je eigenem Dirigenten erfordernde Torso „Firecycle Beta“ (1971) von Brian Ferneyhough.
Schlaginstrumente waren auch beim australischen Ensemble Speak Percussion zu erleben, beim Ensemble Resonanz, das ein von Wolfgang Mitterer konstruiertes String Drum Set präsentierte, und nicht zuletzt in einem interessanten Soloprogramm mit dem Schlagzeuger Christian Dierstein, der bei Lucia Ronchettis vielschichtiger und vielseitiger Dostojewski-Adaption „Helicopters and Butterflies“ durch die Integration szenischer Elemente zum zweiten Festival-Schwerpunkt überleitete.
Theatralisches mit Video
In seinem Monodrama „Kassandra“ (1993/97) lehnte sich der Schweizer Michael Jarrell an die gleichnamige Erzählung von Christa Wolf an, in der die Tochter des Trojaner-Königs Priamos den Untergang ihrer Stadt prophezeit. Die Australierin Pamela Hunter wollte den antiken Stoff durch Filmaufnahmen der Berliner Mauer und von Vergewaltigungsszenen aktualisieren. Der von Anna Clementi gesprochene Text, die ebenso anspruchsvolle Musik, gespielt vom ensemble unitedberlin (Leitung: Andrea Pestalozza), und der in Tempo und Bildmaterial konfuse Film standen dabei aber einander gegenüber, ohne einen Erkenntnisgewinn zu fördern. Bei Steve Reichs schon 1993 in Berlin gezeigtem Video-Oratorium „The Cave“ wanderte der Blick ebenfalls weit zurück in die Vergangenheit. Zusammen mit der Videokünstlerin Beryl Korot hatte der Komponist die Geschichte der Höhle erforscht, die die Begräbnisstätte für Abraham und seine Nachkommen war und in der heute überwiegend von Arabern bewohnten Stadt Hebron in der West Bank liegt. Da diese Höhle für Juden wie für Christen und Moslems von großer religiöser Bedeutung ist, kamen in dem Oratorium Angehörige der drei Religionsgruppen zu Wort. Ihre Aussagen erschienen als rhythmisierte Texte auf den fünf Bildschirmen, während die Sprachmelodien musikalisches Ausgangsmaterial minimalistischer Repetitionen wurde. Das streng durchorganisierte Werk widmet jeder der drei unterschiedlichen Perspektiven einen Akt und verkörpert damit ein respektvolles Miteinander der Kulturen, wie es im heutigen Israel nur noch als ferne Vision existiert. Die Aufführung des Ensemble Modern und der Synergy Vocals unter Leitung von Jonathan Stockhammer ließ keine Wünsche offen.
Türkisch-arabischer Mittelmeerraum
Mit „Kassanda“ und „The Cave“ war das Festival schon in die islamisch geprägte Mittelmeerregion eingetaucht, welche an seinen letzten Tagen im Mittelpunkt stehen sollte. Der in Hannover lehrende Komponist und Saxophonist Oliver Schneller, ein Kenner dieser Region, hatte die Auswahl für die Konzerte und ein ergänzendes Symposium besorgt. Einen besseren Einstieg als seine eigene Klanginstallation „Polis“, eine belanglose Montage aus Großstadtlärm von Istanbul, Kairo, Jerusalem und Beirut, bildete das musikalische Road Movie „Hasretim. Eine anatolische Reise“. Man sah Videoaufnahmen vom Bosporus und dann türkische und deutsche Musiker, die das Podium betraten und sich einstimmten. Daraus wurde ein Präludieren über einen Halteklang, gespielt auf westlichen und orientalischen Instrumenten. Von außen hörte man die durchdringenden Blasinstrumente Duduk und Zurna, gespielt von zwei armenischen Musikern, die ebenfalls aufs Podium traten. Später kamen sie noch einmal zu einer längeren Improvisation nach vorn. Sonst lagen dem Abend Aufnahmen anatolischer Volksmusik zugrunde, die der deutsch-türkisch-armenische Komponist und Gitarrist Marc Sinan vor Ort gesammelt und für größeres Ensemble arrangiert hatte. Auf Berliner Straßen und Plätzen kann man oft ähnliche Musiken hören. „Hasretim“ stellte sie wieder in ihren ursprünglichen, leider allmählich verschwindenden Kontext.
An dem Road Movie hatte neben den türkischen und armenischen Gästen sowie den Dresdner Sinfonikern das junge Hezarfen Ensemble Istanbul mitgewirkt, das an einem anderen Abend ausschließlich Werke hierzulande meist unbekannter türkischer Komponisten der jüngeren Generation bot. Diese zeigten eine Vielfalt der Mittel, aber nur selten Originalität. Die 1977 geborene Rihm-Schülerin Zeynep Gedizlioğlu stellte in „Akdenizli – Das Mediterrane“ der schlichten Pentatonik von Violine und Viola beziehungslos komplexe Klaviermusik gegenüber, während sie in ihrem Streichquartett Nr. 2 mit monoton aggressiven Dissonanzen allzu direkt ihren Lehrer nachahmte. Kaum Entwicklung gab es in dem statischen Stück „di luce e ombra“ von Tolga Yayalar. Mit Sext- und Terzintervallen spielte Füsun Köksal in seinem Streichquartett Nr. 1. Onur Türkmen kontrastierte in „Hat“ eindimensional die Tonverschleifungen der Langhalslaute Kemençe mit der Dreiklangswelt des übrigen Ensembles. Immerhin dramatische Akzente und individuelle Stimmen erlebte man abschließend im Ensemblestück „Gnomus“ des auch in Detmold ausgebildeten Ahmet Altinel.
Spannender und überzeugender fiel das Schlusskonzert mit dem erfahrenen ensemble unitedberlin und dem aus dem Irak stammenden Sidare-Duo aus. Saad Thamir beeindruckte mit der Wandlungsfähigkeit seiner Stimme und ebenso mit komplexen Trommelrhythmen. Sein Partner Bassem Hawar ergänzte den nasalen Klang der Djoze, einer aus einer Kokosnuss hergestellten Kniegeige, die es schon seit 5.000 Jahren gibt. Hawar wirkte auch mit bei der Komposition „Escalay“ (1971) für Djoze und Streichquartett des Ägypters Hamza El Din, die Steve Reich und Terry Riley beeindruckt haben soll. Tatsächlich übten der wiederholte Wechsel von Solo- und Unisono-Teilen sowie das Gegeneinander verschiedener Tonsysteme bei aller Einfachheit einen beträchtlichen Reiz aus. Stärker als das dilettantisch wirkende Kontrabass-Solo „And the days are not full enough“ des aus Beirut stammenden Karim Haddad sprachen die bewegten Spektralklänge im Ensemblestück „Alif“ des Anglo-Marokkaners Brahim Kerkour an. Auf einer schlichten Grundidee, der Durchkreuzung eines ruhigen Dur-Akkords durch dissonante Linien und Impulse, basierte „Instability“ des Ägypters Amr Okba. „Tahilla. Zwei Wiegenlieder für Abraham“ des in Amman lebenden Iyad Mohammad schien im Gegenüber der jüdischen und der arabischen Perspektive an „The Cave“ anzuknüpfen; leider waren die beiden Melodien zu fragmentiert, um noch erkennbar zu sein. „Madih“ des in Berlin lebenden Palästinensers Samir Odeh-Tamimi griff das Gegeneinander von Vorsänger und Chor in einem Sufi-Ritual auf, wobei die Polarität von westeuropäischem Ensemble und den vier arabischen Instrumenten Djoze, Qanun, Oud und Nay vor allem in der unterschiedlichen Stimmung bestand. Diese verhinderte eine wirkliche Integration der beiden Musikkulturen, so sehr sich das ensemble unitedberlin (an ihrer Spitze Andreas Bräutigam und Jean-Claude Velin) um Flexibilität bemühte.
Im Saal des zentralen Veranstaltungsorts, dem Haus der Berliner Festspiele, herrschte meist geheimnisvolles Dunkel (auch während der Umbaupausen). Das Lesen der Programmzettel war so kaum möglich. Man musste sich also ganz auf seine Ohren verlassen und wurde dabei oft enttäuscht. Auch aus dem Orient kam keine Erleuchtung. Die bei der MaerzMusik präsentierten Komponisten der islamisch geprägten Welt orientierten sich am Westen, ohne schon zu wirklich Neuem vorzustoßen. Ähnlich wie in der hier vorgestellten neuen mitteleuropäischen Musik erwiesen sich auch in der arabischen Welt die ältesten Klangbeispiele oft als die interessantesten und immer noch aktuellsten.