„Das Jahr 1905“ und die Jahre 1960, 2010, 2019 – alle im Zeichen von Schostakowitsch. Drei Tage im Juni haben dem Komponisten Dmitri Schostakowitsch genügt, um sein womöglich persönlichstes Werk (so jedenfalls wird es immer wieder gern apostrophiert) zu verfassen. Zwischen dem 12. und 14. Juni 1960 entstand im sächsischen Kurort Gohrisch das 8. Streichquartett c-Moll op. 110, die einzige außerhalb seines Heimatlandes verfasste Komposition.
Fünfzig Jahre danach initiierten einige Wagemutige ebendort zum ersten Mal Internationale Schostakowitsch-Tage, um an den seinerzeitigen Aufenthalt und die kompositorischen Folgen zu erinnern. Inzwischen ist daraus ein unverzichtbares Musikfest geworden, das regelmäßig ein festes Stammpublikum sowie neugierig gewordene Gäste aus aller Welt in den kleinen Ort strömen lässt.
Zehn Jahre Internationale Schostakowitsch-Tage Gohrisch, das hätte zur Gründung 2010 wohl kaum jemand für möglich gehalten. Zu groß war das Wagnis, zu ungewiss ist dessen Ausgang gewesen, als im Herbst 2010 einfach mal so eine mittelalte Scheune von allem Stroh befreit und mit Schöngeist vollgestopft worden ist. Schon im Folgejahr gab es Probleme mit der Fortführung dieses Experiments, denn die Agrargenossenschaft als Eigner des Zweckbaus fürchtete weiteren Schimmel im Stroh. Als Ersatz diente in den folgenden Jahren ein vom Zirkus- zum Konzertzelt angemietetes Rondell aus dem Hause Sarrasani, das allerdings weder von der überraschend guten Akustik noch von den baulichen Gegebenheiten auch nur halbwegs mit der Scheune mithalten konnte, von den Kosten zu schweigen. Wenn Regen aufs Zeltdach fällt, ist die Akustik im Eimer.
Inzwischen finden die Schostakowitsch-Tage im späten Frühjahr statt, also lang genug vor der Erntezeit, da ist die Scheune noch leer und somit frei genug für Kunst und Kultur. Eine Zeit, die vom Publikum dankbar angenommen wird.
Vier Tage, einen mehr als bisher üblich, währten die 10. Internationalen Schostakowitsch-Tage Gohrisch am vergangenen Wochenende. Eingeleitet von einem Sonderkonzert der Sächsischen Staatskapelle Dresden im dortigen Kulturpalast mit Schostakowitschs 11. Sinfonie „Das Jahr 1905“ unter der musikalischen Leitung von Sakari Oramo. Schon dies war ein Klangereignis, das aufgrund der klug disponierten Umsetzung ebenso wie wegen der historischen Hintergründe bewegend geriet.
Vor Ort in Gohrisch gab es dann von Donnerstag bis Sonntag acht bestens besuchte Konzerte in der Scheune, themenbezogene Filmvorführungen, persönliche Begegnungen mit Künstlerinnen und Künstlern bei moderierten Schostakowitsch-Lounges im nahegelegenen Partnerhotel Elbresidenz Bad Schandau sowie geführte Wanderungen auf Schostakowitschs Spuren in und um Gohrisch.
Regelmäßig Überraschungen
Dass es selbst für regelmäßige Gäste der Schostakowitsch-Tage jedes Jahr Überraschungen gibt, ist längst zur guten Gewohnheit geworden. Herausragend waren die Wiederbegegnungen mit Ensembles wie dem Quatuor Danel, dem Borodin Quartet, dem Dresdner Streichquartett und dem Raschèr Saxophone Quartet, ebenso mit Solisten wie dem Cellisten Isang Enders, dem Geiger Linus Roth sowie der Schauspielerin Isabel Karajan. Aber auch neue Namen wie der des brillanten Pianisten Daniel Ciobanu und der beiden Jazzer Günter Baby Sommer am Schlagzeug und Johannes Enders am Saxofon sorgten für Begeisterungsstürme.
Mit den thematischen Schwerpunkten auf das kompositorische Umfeld von Dmitri Schostakowitsch in Persona von Sergej Profofjew und Igor Strawinky war der dramaturgische Rahmen dieses Jahrgangs klar definiert, wurden inhaltliche Reibungspunkte der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts einander gegenübergestellt, die sich zu einem Ganzen fügten. Mit Kompositionen von Galina Ustwolskaja und Mieczysław Weinberg sind zwei weitere Handschriften zitiert worden, deren Schöpfer in engem Bezug zu Schostakowitsch standen und in diesem Jahr anlässlich ihrer 100. Geburtstage besonders zu würdigen sind.
Dass im Programm mit Prokofjews musikalischem Märchen „Peter und der Wolf“ in einer szenischen Einrichtung von Klaus Ortner und Schostakowitschs „Suite für Varieté-Orchester“ auch vergleichsweise populäre Musik erklang – jeweils in fulminanter Umsetzung durch die aus Mitgliedern der Sächsischen Staatskapelle Dresden bestehende kapelle 21 unter Leitung von Petr Popelka –, weitet den Reiz des Festivals für größere Publikumsschichten. Daneben gab es allerdings auch – im Jubiläumsjahr unerlässlich – das in Gohrisch entstandene 8. Streichquartett sowie zum dritten Mal in Folge (!) eine Uraufführung von Schostakowitsch. Passend zum Ort erklang dessen im Alter von 13 Jahren geschriebenes Klavierstück „Im Wald“, und auch zwei nachgelassenen Romanzen für Sopran und Klavier dürften hier ihre erste offizielle Aufführung erlebt haben. Uraufgeführt wurden darüber hinaus Weinbergs „Zwei Lieder ohne Worte“ für Violine und Klavier aus dem Jahr 1947.
Der größte Teil des internationalen Publikums auch dieser 10. Schostakowitsch-Tage hatte sich das komplette Programm gegönnt. Aber auch, wer nur für einen Streifzug weniger ausgewählter Konzerte nach Gohrisch gekommen ist, dürfte festgestellt haben, an diesem Festival kommen Musikliebhaber einfach nicht mehr vorbei. Folglich beginnt schon jetzt die Vorfreude auf den 11. Jahrgang, der vom 2. bis zum 5. Juli in Gohrisch ebenfalls vier Tage lang stattfinden soll, erneut eingeleitet durch ein zuvor absolviertes Sonderkonzert in Dresden.