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Johannes Kreidler. Foto: Falk Wenzel
Johannes Kreidler. Foto: Falk Wenzel
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Vorwärts in die Zukunft der Vergangenheit – Johannes Kreidler im Operncafé in Halle in der Reihe „Kunstwerk der Zukunft“

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Diesmal hat es funktioniert im Operncafé. Kein Putsch der ästhetischen Form oder höherer Bühnenblödsinn wie beim ersten Teil der kleinen Reihe, die der neue Chefdramaturg der Oper in Halle mit Beginn der Spielzeit im Opernchef installiert hat und die mit dem „Ring des Nibelungen“ und dem „Kapital“ die Hauptwerke von Richard Wagner und Karl Marx in ganz unterschiedlichen Formen befragen will.

Der für den zweiten Teil jetzt eingeladene Gast Johannes Kreidler drückte sich nicht vorm selbstgestellten Thema „Industrialisierung der Romantik“. Die Behauptung des knappen Programmzettels, die vor seinen Namen „Konzept/Regie/Performance“ setze, erfüllte er jedenfalls in allen drei Positionen mit Verve! 

Wobei das mit dem „Kunstwerk der Zukunft“, das Chefdramaturg Michael von zur Mühlen über die kleine Reihe fürs Operncafé drüber geschrieben hat, so eine Sache ist. Eigentlich geht es nämlich um die Vorstellungen vom Kunstwerk der Zukunft in der Vergangenheit. Um eine Suche nach dem, was das 19. Jahrhundert heute noch so gegenwärtig sein lässt. Wieso es etwa noch ein Telefonhörer-Symbol auf einem Gerät gibt, das man nur antippen muss, um zu telefonieren, mit dem man schon fotografieren oder in die Weiten des Internets abtauchen kann. 

Kreidler bei dieser Spurensuche zu folgen, macht Spaß. Dass zu Zeiten, als die Fotografie aufkam, die Belichtungszeit für ein Foto (zum Beispiel von Richard Wagner) so lange dauerte wie das Rheingold-Vorspiel, diese Technik also irgendwie zu früh kam, ist so eine von den vielen Pointen, die er vorspielt und die nachwirken, auch wenn er längst Nietzsches brillant formulierte Wagnerverachtung aufblitzen lässt. Oder das „Kapital“ aufschlägt und allein mit Marx’ ersten Sätzen über die Ware, dessen Rang als wortgewaltigen Analytiker in Erinnerung ruft. Er verhakt sich staunend in der Wiederholungsschleife des Satzes „Der Name Marx findet sich in Wagners Äußerungen überhaupt nicht, während eine Beschäftigung mit Hegel immerhin aktenkundig ist.“ Stimmt. Immerhin. Vielleicht deckte ja Herzensfeind Nietzsche Wagners Philosophen-Bedarf hinlänglich. Wo Kreidler mit dem besseren Wissen des Nachgeborenen die Marxsche Dialektik genau in Nibelheim auf Wagner treffen lässt, sprühen schließlich die Geistesfunken! 

Wenn der in der Neue-Musik-Szene etablierte Komponist Johannes Kreidler (36) als Performer im Operncafé mit seinem Solo loslegt, sitzt Kay Stromberg schon am Klavier und amüsiert sich und uns mit einem Schubertsound. Schubert ist des Strombergs Lust sozusagen. Und Kreidler ruft das Jahrhundert dazu auf, das für unsere Lebens-, Gedanken- und Gefühlswelt immer noch das Maß liefert, an dem sich die vielbeschworene Veränderung der Moderne misst. Dann wird Nietzsches „Ich hasse Wagner, aber ich halte keine andere Musik mehr aus“ zum Wegweiser. Und der klein-aber-oho Finne aus Leipzig, Tenor Dan Karlström, ist von der romantischen Lust des Wanderns schnell in Nibelheim und beim Schwert Nothung. Er behauptet sich wacker in der Klangmelange, die etwas vom Grundrauschen beim Sendersuchen im Dampfradio hat. Zwischendrin sorgt Johannes Kreidler mit vertieftem Harald-Schmidt-Bildungscharme am Tisch oder am Klavier, manchmal auch darunter, dafür, dass der Abend sein Thema nicht verfehlt, man sich dabei gut unterhält und obendrein klüger rausgeht, als man hinein gegangen ist. Das ist doch allerhand.

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