Erfreulicherweise gibt es immer mehr Initiativen aus der Chorwelt, Werke von Komponistinnen zu fördern, aufzuführen und zu publizieren.

Chormusik von Komponistinnen im Carus-Verlag
Ein reichhaltiger Repertoireschatz
Chormusik von Komponistinnen im Carus-Verlag
Im Jahr 2023 fand erstmals der Kompositionswettbewerb „Females Featured“ unter dem Motto „Our Voice for Our Planet“ statt, initiiert von der Chorakademie Baden-Württemberg in Kooperation mit der BUGA, dem Archiv Frau und Musik, dem Verband deutscher KonzertChöre Landesverband Baden-Württemberg sowie dem Carus Verlag. Jeweils drei Stücke in den Kategorien Kinderchor, Jugendchor und Kammerchor wurden mit einer Uraufführung bei der Bundesgartenschau in Mannheim und mit einer Einzelausgabe im Carus-Verlag prämiert. Ebenfalls bei Carus erschienen ist der Band Choral Music Composed by Women für Chor SATB (Carus 2.251/00), teils mit Klavier oder Orgel, herausgegeben von Franziska de Gilde, Mary Ellen Kitchens und Jan Schumacher in Zusammenarbeit mit dem Deutschen Chorverband und dem Archiv Frau und Musik. Dieser Sammelband mit 47 Stücken von 45 Komponistinnen ist das Chorbuch zum diesjährigen Deutschen Chorfest, das Ende Mai unter dem Motto „Stimmen der Vielfalt“ in Nürnberg stattfindet.
Dieser Band ist eines der ersten Chorbücher, das relativ leicht handhabbare und kurze Chorwerke von Frauen in der gesamten historischen sowie internationalen Bandbreite abbildet. Zu den ausgewählten, mittlerweile etablierten historischen Komponistinnen zählen unter anderem Hildegard von Bingen, Maddalena Casulana, Isabella Leonarda, Barbara Strozzi, Fanny Hensel, Josephine Lang, Louise Farrenc, Luise Adolpha Le Beau, Elfrida Andrée und Florence B. Price. Unter den Zeitgenossinnen aus verschiedenen europäischen Ländern, USA, Argentinien und Israel befinden sich international bekannte (Chor-)Komponistinnen wie Karin Rehnqvist, Eleanor Daley und Reena Esmail sowie junge Nachwuchskomponistinnen wie Elisabeth Fußeder und Evita Rudžionyte. Ergänzt wurde die Sammlung außerdem mit Werken von Komponistinnen, deren Nach- oder Vorlass im Archiv Frau und Musik liegt, darunter Felicitas Kukuck, Hedda Wagner und Vivienne Olive. Der Band enthält Nachdrucke von Erstausgaben sowie erstmals veröffentlichte Stücke und wird durch Kurzbiografien der Komponistinnen auf Deutsch und Englisch, einem thematischen Verzeichnis mit Verschlagwortung sowie englischen Übersetzungen der Liedtexte sinnvoll ergänzt.
Hier wird erstmals ein reichhaltiger Schatz an bisher meist unbekannter, qualitativ hochwertiger Chorliteratur zur Verfügung gestellt, der es einer großen Bandbreite an Chören aufgrund der unterschiedlichen Schwierigkeitsgrade und der inhaltlichen Breite von weltlicher bis geistlicher Natur, darunter Volksliedarrangements und Kanons, ermöglicht, ihre Konzertprogramme oder offenen Singangebote diversitätsbewusster zu gestalten. Mittlerweile etablierte Klassiker der Chorliteratur wie Ethel Smyths „March of the Women“, Clara Schumanns „Gondoliera“ und Amy Beachs „Peace I leave with you“ werden durch spannende Juwelen ergänzt wie Lea Morris’ „Heart wide open“ oder Hanna Havrylets’ „Tropar an die Heilige Mutter Gottes“. Interessant sind auch Pauline Oliveros’ sprachlich notierte „Sonic Meditations“, die zur Vokalimprovisation im Raum einladen und dadurch das Gehör und die Körperwahrnehmung der Singenden schulen.

Chormusik von Komponistinnen im Carus-Verlag
Dieses Verdienst um die im deutschsprachigen Raum erstmalige Zusammenstellung einer umfassenden und ausgewogenen Mischung an Chormusik von Frauen kann nicht hoch genug gewürdigt werden. Das geht nur auf der Basis von umfangreicher Forschungs- und Sammeltätigkeit, eines großen Netzwerks in die Chorwelt sowie Expertise in der Frauenmusikgeschichte und eigenen Chorerfahrungen mit entsprechenden Programmen.
Die Förderung von zeitgenössischen Komponistinnen durch Kompositionswettbewerbe ist ein weiterer Weg, um den Zugang zur Chorwelt für Frauen zu erleichtern. Ebenfalls bei Carus sind in der Reihe Females Featured – Zeitgenössische Chormusik von Komponistinnen des gleichnamigen Wettbewerbs als Einzelausgaben für Kinderchor erschienen: „Ich bin ein Baum“ von Hannah Friderike Ewald sowie „Hawks and Hounds“ von Pat Hanchet und für Jugendchor „Mutter Erde“ von Viola Kramer, „For Our Planet“ von Tina Ternes sowie „Never Too Small“ von Aya Sivan. „Afterwards“ stammt von Lucia Birzer, „Shàng Shàn Ruò Shui“ von Rosita Piritore und „Tree to Tree“ von Dorothea Hofmann, jeweils für Kammerchor. Die meist von den Komponistinnen selbst verfassten Texte thematisieren die Natur oder den Kampf gegen den Klimawandel. Der Circle-Song „Mutter Erde“ ist dem Vater Unser als pantheistische Anrufung an die Erde nachempfunden. Birzer verbreitet hingegen in „Afterwards“ auf ein Gedicht aus der Zeit des Ersten Weltkriegs von Sara Teasdale Endzeitstimmung. „Never Too Small“ der israelischen Singer-Songwriterin ist dem Pop entlehnt, während „Shàng Shàn Ruò Shui“ harmonisch anspruchsvoll gestaltet ist. Auch bei den zeitgenössischen Stücken ist demnach für alle etwas dabei.
Davon kann man sich durch die Mitschnitte der Uraufführungen vom 18. Juni 2023 im YouTube-Kanal des Badischen Chorverbands am besten selbst überzeugen. Übrigens findet in diesem Jahr der zweite „Females Featured“ Wettbewerb unter dem Motto „ANIMA(L) Seele–Tier–Schöpfung“ statt, diesmal mit der Kategorie Frauenvokalensemble statt Kinderchor. Die Aufführung der Preisträgerinnenwerke ist für den 18. Oktober 2025 im Rahmen der Konzertreihe Tübinger Motette (Geistliche Abendmusik) in Kooperation mit dem Tübinger Komponistinnenfest geplant.
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