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Max Fuchs. Foto: DKR
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Das Leben ist eine einzige Fortbildungsveranstaltung - Max Fuchs im Gespräch

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Im September 2008 konnte die Akademie Remscheid ihr fünfzigstes Jubiläum begehen. Seit zwanzig Jahren leitet Max Fuchs (unser Foto) als Direktor die traditionsreiche Akademie und am 30 September 2008 feierte er seinen sechzigsten Geburtstag. (Vorabveröffentlichung aus nmz 10-08)

Fuchs ist außerdem Präsident des Deutschen Kulturrats, Vorsitzender der Bundesvereinigung Kulturelle Jugendbildung, des Instituts für Bildung und Kultur und Honorarprofessor für Kulturarbeit an der Universität Duisburg-Essen. Lesen Sie ein nmz-Interview mit dem umtriebigen Kulturpolitiker und Wissenschaftler.

neue musikzeitung: Herr Fuchs, Sie haben Mathematik, Wirtschaftswissenschaften, Erziehungswissenschaften und Soziologie studiert und sind dann zunächst ins Lehramt für Mathematik gegangen. Wie stellt sich Ihr Werdegang aus heutiger Perspektive dar?
Max Fuchs: Die Entscheidung fürs Lehramt war zunächst ökonomisch bedingt, denn ich musste mir mein Studium selber verdienen. Nach meinem Vordiplom in Mathematik 1974 hat sich für mich die Gelegenheit ergeben, an einer Schule als Aushilfslehrer anzufangen. Das hat mir großen Spaß gemacht und mir ist dort klar geworden, dass ich mich nicht nur mit Mathematik beschäftigen möchte. Nach meinem Mathematikdiplom habe ich anschließend Pädagogik und Soziologie studiert. In diesen Fächern habe ich dann promoviert, weil mir nach zehn Jahren Mathematik am Gymnasium und an der Fachhochschule das Unterrichten auf die Dauer zu eng wurde. Bildung ist immer mit Selbstbildung verbunden. Für mich ist das Leben eine einzige Fortbildungsveranstaltung.

nmz: Kann man diese Einstellung auch an die jüngere Generation weitergeben? Im Moment orientieren sich die Studierenden nur in Modulen für das Bachelor/Master-System. Die Bildung bleibt da oft auf der Strecke.
Fuchs: Die Bachelor- und Masterentwicklungen sind ein Fehler in unserer Hochschullandschaft. Diese ganz engen maßgeschneiderten Studiengänge, die nur auf eine berufliche Tätigkeit hinführen sollen, sind der falsche Weg. Originellerweise macht das die Wirtschaft in vielen Bereichen, insbesondere dort, wo es um qualifizierte Tätigkeiten geht, gar nicht mit. Investmentbanken, große Agenturen wie McKinsey zum Beispiel, greifen häufig auf Geisteswissenschaftler zurück. Das berufliche Know-how bringen sie den Leuten in den Berufen als Banker oder Berater selbst bei.

nmz: Sie sind dieses Jahr seit zwanzig Jahren Direktor der Akademie Remscheid für Musische Bildung und Medienerziehung e.V. Wie definieren Sie Ihre Aufgabe?
Fuchs: Wir sind eine hierarchisch organisierte Einrichtung. Der Direktor steht an der Spitze, daran schließen sich der Verwaltungsleiter und der Studienleiter an. Ich mische mich selbst nicht stark in das Alltagsgeschäft ein, sondern überwache das Ganze. Dafür investiere ich Zeit in Grundlagenfragen kultureller Bildung. Ein gemeinsames Konzept kultureller Bildung, wie es die Akademie Remscheid vertritt, ergibt sich nicht aus der puren Addition von Theater, Tanz und Musik. Es geht mir darum, theoretische Grundlagen für die verschiedenen Praxisfelder in der Kulturarbeit der Akademie zu finden.

nmz: Am 19. September feiert die Akademie mit einem Festakt ihr 50. Jubiläum. Welche Richtung soll die Akademie in Zukunft einschlagen?
Fuchs: Besonders bei einer Jubiläumsfeier ist ein Blick zurück immer wichtig, denn in der 50-jährigen Geschichte waren viele Menschen in die Arbeit der Akademie eingebunden, die natürlich gewürdigt werden wollen. Letztlich können wir uns aber für die Verdienste früherer Zeiten nichts kaufen. Wir müssen uns den heutigen Aufgaben widmen und uns auch in der Zukunft bewähren. Deswegen hat die Akademie auch schon unter der Leitung von Dr. Wilhelm Twittenhoff und Prof. Bruno Tetzner immer zukunftsorientiert gearbeitet. Uns interessieren die gegenwärtigen gesellschaftlichen Herausforderungen. Wir leben in einer multiethnischen Gesellschaft und das ist noch längst nicht überall in der pädagogischen Praxis angekommen. Wir müssen diese Menschen ansprechen, unsere Inhalte verändern und Probleme wie den demografischen Wandel thematisieren.

nmz: Sie haben in Ihrem Haus mit dem Institut für Bildung und Kultur (IBK) ein Bildungs- und Forschungsinstitut, das Bruno Tetzner gegründet hat und dessen Vorsitzender Sie heute sind. Was erforschen Sie?
Fuchs: Unser jetziger Schwerpunkt im IBK liegt im Bereich Seniorenkulturarbeit in europäischer Perspektive. Mich persönlich interessiert im Moment die Frage, welchem Wandel die Arbeitsverhältnisse unterliegen. Berufstätigkeiten verändern sich. Langsam verschwinden die letzten unbefristeten Arbeitsverhältnisse der Industriegesellschaft. Das, was man heute als einen flexiblen Kapitalismus bezeichnet, wirkt sich auch auf die Psyche der Menschen aus. Das alles hat unmittelbar mit dem Begriff der Bildung zu tun, denn diese soll einen ja in die Lage versetzen, sein Leben zu bewältigen. Wenn sich das Leben in Zukunft weiterhin so flexibel entwickelt, muss es entsprechende Bildungs- und Fortbildungseinrichtungen geben, die die Menschen auf diese Veränderungen einstellen.

nmz: In einem Aufsatz zum Thema „Politik als Kultur“ haben Sie geschrieben, ein Ziel der Bildung sei „das gute Leben“. Ist das heute noch ein Ziel?
Fuchs: Ja, ich habe zwei politische Ziele. Zum einen betrifft das die individuelle Seite. Jeder Mensch hat seine Vorstellungen von dem, was für ihn das gute Leben ausmacht. Und das zweite Ziel ist die Realisierung einer wohl geordneten Gesellschaft. Denn in einer chaotischen Gesellschaft, in der etwa Krieg herrscht, kann das einzelne Individuum sein Projekt des guten Lebens nicht realisieren. Und deshalb haben wir in der BKJ, im Dachverband für Kinder- und Jugendarbeit, das Konzept der Lebenskunst entwickelt. Dieses stellt sich die Frage, wo die Künste einen Beitrag für das eigene Wohlbefinden, für ein gelingendes Leben leisten können.

nmz: Kunst kommt nicht nur von Können, sondern auch von Kulturpolitik. Als Präsident des Deutschen Kulturrats sind Sie auch in diesem Bereich tätig. Woher die Motivation für dieses Engagement?
Fuchs: Kunst gehört zum menschlichen Leben dazu. Kunst fällt nicht vom Himmel und benötigt auch Geld. Sie bedarf auch öffentlicher Zuschüsse und dafür muss man sich einsetzen. Wir verstehen uns im Kulturrat als organisierte Zivilgesellschaft, als einen nichtstaatlichen Bereich und praktizieren damit ein modernes Politikverständnis, weil Politik nicht nur Sache des Staates ist. Gesellschaftliche Kräfte müssen so weit wie möglich in die Meinungsbildung einbezogen werden. Und wer weiß besser von den Sorgen und Nöten in der Kulturpolitik als die Menschen, die in diesem Bereich tätig sind.

nmz: Der Deutsche Kulturrat war maßgeblich an der Ausarbeitung der Em­pfehlungen der „Kulturenquete des deutschen Bundestages“ beteiligt. Seit Ende 2007 liegen diese Empfehlungen vor. Wie geht es weiter?
Fuchs: Dieser Bericht der Kulturenquete ist für den Ausbau der bundesweiten Infrastruktur im Kulturbereich wichtig.  Er enthält 450 Empfehlungen und der Kulturrat hat sich über jede einzelne eine Meinung gebildet. Insgesamt hat es von Seiten des Kulturrates eine sehr hohe Zustimmung von 95 Prozent gegeben. Diese Zustimmung kommt nicht von ungefähr. Für die einzelnen Punkte hat es viele Anhörungen gegeben, an denen der Deutsche Kulturrat beteiligt war. Unsere Aufgabe besteht darin, für die Angelegenheiten, bei denen der Staat aktiv werden muss, also etwa bei Steuerfragen und Fördergeldern, öffentlichen Druck aufzubauen. Es gibt aber auch kulturpolitische Bereiche, die nichts mit der Bereitstellung von Geldern zu tun haben. Auch da sind wir initiativ geworden. Zum Beispiel fordern wir für die künstlerischen Schulfächer, also auch für das Schulfach Musik, Bildungsstandards. Gemeinsam mit Vertretern der Kunst- und Musikpä­dagogen und Lehrern des darstellenden Spiels haben wir eine Initiative ergriffen, solche Bildungsstandards zu entwickeln und dann auch bundesweit durchzusetzen.

nmz: Bildungspolitik ist aber doch vor allem Ländersache …
Fuchs: Das ist richtig. Der Kulturrat und auch der Enquetebericht stellen deshalb auch Forderungen an die Länder und Kommunen. Die Idee der bundesweiten Bildungsstandards besteht darin, aus der Kleinstaaterei, aus den 16 unterschiedlichen Bildungs- und Kulturpolitiken herauszukommen. Seit PISA gibt es einen starken Trend etwa auf der Ebene der Kultusministerkonferenz, sich auf Gemeinsamkeiten zu einigen.

nmz: Sie sind ein persönlich berufenes Mitglied der Deutschen UNESCO-
Kommission. Welche Aufgaben haben sie dort?
Fuchs: Es gibt die Europäische Union und den Europarat. Aber mit der
UNESCO gibt es eben auch eine weltweite kultur- und bildungspolitische Familie. Wenn man den Blickwinkel über die Grenzen Europas hinaus richtet, dann relativiert sich vielleicht das ein oder andere, besonders wenn man sich die Situation in Afrika oder Asien anschaut. Man kann aber auch viel von anderen lernen. Es geht darum den Horizont zu öffnen und zu schauen, wie andere Länder mit Kultur- und Bildungsfragen umgehen.

nmz: Man kann in Deutschland einen Boom der kulturellen Bildung konstatieren. Haben wir im Vergleich zu anderen Ländern einen Nachholbedarf?
Fuchs: PISA ist inzwischen zu dem wichtigsten internationalen Referenzsystem geworden. Es gibt weltweit eine Marginalisierung von Nicht-PISA-Fächern, und dagegen wehrt man sich inzwischen, zum Beispiel im Rahmen der UNESCO-Weltkonferenz 2006 in Lissabon. Ein zweites Problem: Insgesamt schrumpft das jugendliche Publikum in den Kultureinrichtungen. Und dies nicht alleine deshalb, weil es weniger Jugendliche gibt. Das Jugendkulturbarometer des Zentrums für Kulturforschung hat gezeigt, dass das kulturelle Interesse bei den Jugendlichen nicht richtig geweckt wird. Hier muss man etwas tun!

nmz: Wie definieren Sie für sich den Begriff „Kultur“?
Fuchs: Es gibt mehrere Kulturbegriffe. Kultur ist wie der Mensch lebt und arbeitet. Das ist ein sehr traditioneller Ansatz, den schon Bert Brecht benutzt hat. Kultur ist die Gesamtheit aller Lebensvollzüge. Der Begriff realisiert sich in der Freizeit, in der Arbeitstätigkeit, in der Liebesbeziehung. Er ist ein Totalitätsbegriff. Kulturpolitik darf sich jedoch nicht anmaßen, mit der Totalität aller Lebensvollzüge zu arbeiten. Es gibt auch die Sozialpolitik und die Bildungspolitik, die viel mehr Einfluss auf die Lebensgestaltung der Menschen haben. Die Kulturpolitik hat allerdings wirkungsvolle Mittel, die den engeren Kulturbegriff betreffen, bei dem Kultur Kunst ist. Daher wird versucht, das gute Leben mit den Mitteln der Kunst herzustellen. Deswegen ist mir die Aussage so wichtig: „Ohne Kunst ist das Leben unvollständig.“ Mit den Mitteln der Kunst kann Kulturpolitik einen Beitrag leisten, dass das Leben der Menschen eine höhere Qualität erreicht. Bedingung dafür ist der wichtige Begriff der Teilhabe. Ich will außerdem realisieren, dass alle Künstler von ihrer Kunst leben können. Denn Kunst gibt es nur dann, wenn es kreative Menschen gibt, die sie ausüben.

nmz: Wo sehen Sie Ihre Schwerpunkte für die nächsten Jahre?
Fuchs: Der Kulturrat ist eine wichtige Organisation, die aufgrund ihrer Bandbreite eine ständige Herausforderung für mich darstellt. Dort kann ich selbst auch noch dazulernen und deshalb würde ich dort noch gerne weitermachen. Meinen wissenschaftlichen Schwerpunkt lege ich auf die kulturelle Schulentwicklung. Denn die Schulen sind das zentrale System in Deutschland, durch das alle Kinder und Jugendliche gehen. Wir haben bemerkt, dass wir dafür kämpfen müssen, dass die Schulen für die Kinder und Jugendlichen interessant sein müssen. Aber auch für die Lehrer. Wenn ein gutes Kulturprogramm in den Schulen stattfindet, mit Tanz, Literatur, Musik und Theater, dann lassen sich auch bessere Ergebnisse in den anderen Fächern erzielen. Das haben Studien belegt. Wir überlegen uns, wie wir den einzelnen Schulen bei ihrer kulturellen Profilbildung helfen können.

nmz: Wir bedanken uns für das Gespräch!

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