Die Deutsche Staatsphilharmonie Rheinland-Pfalz mit Sitz in Ludwigshafen ist das größte Orchester in diesem Bundesland, zudem das einzige mit überregionalem Anspruch. Unter seinem GMD Karl-Heinz Steffens und seinem neuen Intendanten Michael Kaufmann ist es gerade dabei, sich neu zu positionieren.
Es war ein Moment von unfreiwilliger Komik, aber symbolischer Ausstrahlung. Da musste beim Mainzer Orchestergipfel ein Zuhörer in der Rheingoldhalle niesen, und er tat es laut und drastisch genau in eine Zäsur von César Francks Sinfonie d-Moll hinein. Karl-Heinz Steffens am Pult der Staatsphilharmonie drehte sich lächelnd halb ins Publikum, dirigierte aber mit beiden Händen konzentriert weiter. Das zeigte: Ein GMD soll die Ohren nicht nur im Orchester, sondern auch beim Publikum haben. Steffens hört aber nicht nur hin, er spricht auch. Wie selbstverständlich hilft er immer wieder mit prägnanten einführenden Worten dem Publikum, sich ein unbekanntes Werk zu erschließen.
Noch vor Jahren wirkten die Musikerinnen und Musiker der Staatsphilharmonie auf dem Podium oft so, als wollten sie sich in der Tradition einigeln. Zwar wurde durchweg auf hohem Niveau musiziert, aber ohne spürbare Begeisterung. Das lag sicher zum Teil an der kultur- und finanzpolitischen Gesamtlage. Diese führte in Rheinland-Pfalz schon 2003/04 zu einer „Orchesterreform“, die das A-Orchester auf 88 Stellen reduzierte und die Musiker bis heute zu umständlichen Aushilfsdiensten mit den beiden anderen Staatsorchestern in Mainz und Koblenz nötigt. Es hat aber auch mit der schwierigen Ausgangslange zu tun.
Die Staatsphilharmonie residiert in Ludwigshafen, einer Industriestadt am Rhein, der es seit jeher schwer fällt, sich kulturell gegen die alte kurfürstliche Residenzstadt Mannheim auf der anderen Rhein-Seite zu behaupten – und die zudem durch Kriegszerstörung und Wiederaufbau-Sünden dermaßen geschädigt ist, dass sie nur mühsam eine Art Innenstadt-Charakter aufrechterhalten kann. Im Philharmoniegebäude an der Heinigstraße kann das Orchester zwar proben, aber nur Kammerkonzerte anbieten. Für die Sinfoniekonzerte muss es ausweichen ins benachbarte Theater im Pfalzbau, ins BASF-Feierabendhaus – oder gleich in den Mannheimer Rosengarten. Daraus resultiert der Anspruch, auch auf der baden-württembergischen und hessischen Seite der Metropolregion Rhein-Neckar als führendes Sinfonieorchester wahrgenommen zu werden. Zugleich soll die Staatsphilharmonie aber die (linksrheinische) Region bespielen und Rheinland-Pfalz national und international repräsentieren. Mit anderen Worten: Sie ist überall und nirgends zu Hause und soll dabei zugleich Weltläufigkeit und Volksnähe ausstrahlen.
Wie soll ein Orchester unter diesen Bedingungen zukunftsfähig werden? Nicht, dass niemand in diese Richtung dachte. Doch das viel beachtete und preisgekrönte Education-Projekt „Listen to our Future“ lebte über Jahre hinweg von der Initiative und der Arbeitskraft seines Begründers, des Trompeters Jochen Keller.
Wenn sich nun ein Aufbruch abzeichnet, hat Karl-Heinz Steffens, der seit 2009 in Ludwigshafen amtiert, daran erheblichen Anteil. „Die Entwicklung geht künstlerisch und zwischenmenschlich nach vorne – zwischen Dirigent und Orchester, aber auch innerhalb des Orchesters“, sagt Friedhelm Bießecker, Trompeter und Vorsitzender des Orchestervorstandes. Dass der GMD Steffens in längerfristigen Horizonten denkt, macht er nicht nur durch die Vertragsverlängerung bis 2018 deutlich, sondern auch in öffentlichen Äußerungen und in seiner Programmwahl. Ein gerade abgeschlossener Zyklus der Beethoven-Sinfonien, eine spürbare Öffnung zur Neuen Musik, vor allem aber das Ludwigshafener „Ring“-Projekt waren Marksteine der Entwicklung. „Ein Orchester, das einmal miteinander den ‚Ring‘ durchgestanden hat, ist nicht mehr dasselbe“, meint Bießecker. Das nicht unumstrittene Kooperationsprojekt mit Staatskapelle und Oper in Halle und dem Ludwigshafener Theater im Pfalzbau entwickelte binnen kurzer Zeit eine erstaunliche Sogwirkung selbst auf Theaterfremde und auf Kulturinteressierte, die normalerweise die gesamte Ludwigshafener City unterhalb der Hochstraße nach Mannheim unter sich liegen lassen.
„Das Zusammenspiel funktioniert inzwischen auch dann gut, wenn ein Gastdirigent am Pult steht und nicht der Chef!“, freut sich Bießecker. Eindrucksvoll war dies beim letzten Mainzer Gastspiel der Saison zu erleben. Dmitrij Kitajenko dirigierte Sergej Prokofjews „Sinfonisches Konzert für Violoncello und Orchester“ (mit Daniel Müller-Schott als Solist) und Peter Tschaikowskis f-Moll-Sinfonie. Letztere darf als Repertoirestück gelten, doch von Routine war nichts zu spüren. So präzise im Herausarbeiten von Untertönen und Nebenstimmen, mit so viel Gespür für Dramatik, für delikate Klangwirkungen und Raumwanderungen innerhalb des Orchesters, so leidenschaftlich und so homogen war die Staatsphilharmonie in der Rheingoldhalle noch nie zu erleben. Die Musikerinnen und Musiker auf dem Podium spielten, als ginge es um ihr Leben – und brachten damit die Existenzfragen ans Licht, von denen Tschaikowskis Musik spricht, oft zwischen den Zeilen, manchmal ganz ausdrücklich.
Auch Michael Kaufmann, seit Dezember 2011 neuer Intendant der Staatsphilharmonie, denkt in größeren Dimensionen und stützt den Aufbruch des Orchesters auf seine Weise. Der erfahrene Kulturmanager ist schon seit 2009 Intendant des Kurt-Weill-Festes in Dessau. Daraus resultiert ein besonderes Interesse an der klassischen Moderne (auch in den Nachbarkünsten) und an den Berührungsflächen zwischen „ernster“ und „leichter“ Musik. Dass die Staatsphilharmonie in den vergangenen Jahren immer wieder große sinfonische Filmmusiken gespielt hat, erleichtert hier die Anknüpfung. Selbst gut vernetzt, empfindet Kaufmann die vielfältigen Verpflichtungen und Vernetzungen der Staatsphilharmonie als Bereicherung. Entsprechend attraktiv liest sich das Spielzeitheft der kommenden Saison als selbstbewusste Dokumentation der eigenen Leistungen und als freundliche Einladung an Stadt und Region: Seht her, wir sind Euer Orchester, und wir machen ein spannendes Programm!
Das Programm der neuen Saison, das erstmals Steffens und Kaufmann gemeinsam verantworten, führt Traditionen fort, setzt aber auch viele neue Akzente. Dem Beethoven-Zyklus folgt eine Schubert-Mahler-Berg-Reihe. Der Trompeter Reinhold Friedrich wird Artist-in-Residence. Ein Komponistenporträt ist Kurt Schwertsik gewidmet. Den Beginn der Saison in Ludwigshafen und Mannheim markiert ein Sommermusikfest „Modern Times“, dessen drei Abende ein Porträt der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts zwischen Hoffnung und Depression, zwischen Nordamerika und der Alten Welt versuchen. Und am Saisonende steht ein mehrtägiges Mozartfest in der neuen Sommerresidenz des Orchesters, der malerischen alten Kaiserstadt Speyer.
Auch das musikpädagogische Programm wird weiter vertieft durch eine auf Dauer angelegte Partnerschaft mit der Ludwigshafener Erich-Kästner-Grundschule. Kaufmann, der seine Wohnung im multikulturellen Ludwigshafener Stadtteil Hemshof genommen hat, sieht Sinfonieorchester als exemplarisches Beispiel von gelungener Integration: ein Ensemble verschiedenster Menschen, mit gemeinsamem Ziel. Und er glaubt an die Kraft der Begegnung. So hat er seine Doppelfunktion genutzt, die Staatsphilharmonie das Eröffnungskonzert des Kurt-Weill-Festes 2013 gestalten zu lassen , eine gute Gelegenheit, der schon seit 1988 bestehenden Städtepartnerschaft zwischen Ludwigshafen und Dessau einen auffrischenden Impuls zu geben.