Lang ist der Beifall für das Duo pianoworte nach seinem Jubiläumskonzert in der Aula des Alten Gymnasiums Oldenburg.
DTKV-Niedersachsen und das Komponisten- Colloquium der Universität Oldenburg hatten dieses Konzert mit dem Motto „Musik unserer Zeit“ ermöglicht. Komponist Christoph Keller bemerkt, dass nur Oldenburger KomponistInnen zu Wort und Gehör kommen, und verweist einleitend auf Morgensterns Vorwort zu seinen Galgenliedern: „In jedem Menschen ist ein Kind verborgen, [...] Das will auch in der Kunst mit-spielen, mit-schaffen dürfen und nicht so sehr bloß bewundernder Zuschauer sein. Denn dieses ‚Kind im Menschen‘ ist der unsterbliche Schöpfer in ihm [...].“
Prompt bestätigt dies ein anwesendes Kind, das gleich das erste Galgenlied syllabisch kommentiert, und Publikum wie Sprecher erheitert. Keller nimmt in seinen Bearbeitungen der Galgenlieder nach herb-dissonanter Introduktion das Spiel mit der ironischen Doppelbödigkeit der Texte Morgensterns auf, überträgt sie in seine Musik und fügt ihnen eine plastische Dimension hinzu, etwa in den perlenden Arpeggi der „Wasser“-Tropfen. Thiele weiß seine prägnante Stimme dramatisch dynamisch zu variieren, im Dialog mit dem Klavier manchmal auf Kosten der Verständlichkeit, aber wie im späteren „Lalula“ auch melodiös einzusetzen, als seien die Rollen vertauscht: Das beredte Klavier Bernd-Christian Schulzes spricht, Helmut Thiele macht die Musik.
Bezwingenden Charakter hat die Uraufführung der „Sechs Zen-Geschichten“ von Ronald Poelman. „Zen ist Handeln, keine Philosophie“, erläutert Poelman, dementsprechend sind seine Kompositionen als Reduktion der kompositorischen Elemente auf das Essentielle zu verstehen. Die Ungeduld des Schülers ist das ungeduldige Klavier, der mordende General wird motorisch harter Rhythmus, der Kaiser-Ball mit Walzertakt und einer Parodie des „Entertainers“ ist Karikatur der Opulenz, während dagegen die Zen-Meister in schlichter musikalischer Gestalt erscheinen und damit den Weg zu sich selbst gehen. Sehr überzeugende Miniaturen!
Kellers Uraufführung „Enigma“ ist köstliches Spiel mit Sprache, eine Herausforderung für Helmut Thiele, der nach zungenbrecherischer Sprechartistik das mit dem Laptop aufgezeichnete „Rätsel“ mit rückwärts abspielender Technik als Gratulation zum 20-jährigen Jubiläum des Duos entschlüsselt.
Violeta Dinescu bettet ihre erstmalig aufgeführten „Drei Tiny Tales“ in eine sinnlich-melodische Aura. Klangvoll und spielerisch elegant umrahmt sie die pointierten 140-Zeichen-Dramen des mit dem Föhn spielenden Kindes, des arglosen Schwimmers, der die nahenden Haie übersieht, oder des zu Asche gewordenen Streichholzes nach höllischem „Inferno“, die das Duo pianoworte mit virtuosem Witz erzählt. Die in Memoriam Thomas Schmidt-Kowalskis vorgetragene „Glocke“ nach Schiller wirkt gegenüber diesen kontrastierenden Kompositionen wie aus der Zeit gefallen. Der bekennende Neo- Romantiker sowie Schillers „Glocke“ wollen nicht mehr so recht in die heutige Zeit passen.