Als teilzeitbeschäftigter Geschäftsführer des Tonkünstlerverbandes Baden-Württemberg war ich zunächst einmal nicht „existenziell bedroht“ vom Lockdown, der durch die Coronapandemie ausgelöst wurde. Als soloselbstständiger Musiker und Musiklehrer allerdings schon. Meine Tätigkeiten als selbstständiger Kontrabassist, E-Bassist und Veranstaltungsmanager kamen zu einem jähen Ende, als am 17. März ein faktisches Berufsverbot in diesen Bereichen verfügt wurde.
In allen Bereichen, in denen ich tätig bin, ob angestellt oder im freien Beruf, bedeutete dies jedoch das krasse Gegenteil von „arbeitslos“: Beim Tonkünstlerverband Baden-Württemberg sind über 2.200 Mitglieder organisiert, die vom ersten Tag der Krise einen immensen Beratungsbedarf hatten. Sie brauchten Beratung bei sich ständig verändernden Soforthilfe-Programmen, sie brauchten einen Wegweiser durch den Wust der Informationen, die über alle Medien auf sie einströmten, sie wollten verlässliche Informationen, die zu gewissen Zeiten niemand geben konnte. Hier haben wir versucht, die jeweils relevanten Informationen herauszufiltern und sie absolut zeitnah – auch nachts und an Wochenenden – zur Verfügung zu stellen. Wichtigstes Kriterium war, ausschließlich Quellen zu präsentieren. Bis auf ganz wenige medizinische Einschätzungen in Bezug auf Blasinstrumente und Gesang haben wir uns in diesem Bereich komplett zurückgehalten.
Sehr schnell haben viele unserer Mitglieder auf die Situation reagiert, Unterricht weiterhin anzubieten oder neue (Online-)Konzertformate zu entwickeln. Diejenigen, die sich dieser Perspektive zuwandten, anstatt sich durch das Kleingedruckte von Soforthilfeanträgen zu quälen, haben sehr zeitnah Perspektiven eröffnen können und zum Teil zusätzliche Einnahmen generiert, die zukünftig als „Add-Ons“ zum face2face-Unterricht gebucht werden können oder als gestreamte „appetizer“ neue Besuchergruppen ansprechen. Natürlich spielte in dieser Situation auch eine Rolle, dass die Schülerinnen und Schüler – oder die Konzertbesucher*innen – ebenfalls Zeit hatten, sich auf diese Angebote einzulassen. Tragischerweise sind die Soforthilfen im Moment zeitlich begrenzt und verlagern eine eventuell existenziell bedrohliche Situation nur in die Zukunft. Diese Situationsanalyse bringt mich zum eigentlichen Anlass, diesen Artikel zu schreiben. Ich habe selbst erfahren, dass Krise auch immer Chance bedeutet, und möchte das gerne berichten: Seit einigen Jahren beschäftige ich mich mit dem Alphorn. Bei einem Hundespaziergang am 18.3. traf ich einen Alphornspieler aus der von mir geleiteten Alphorngruppe (die ja auch nicht mehr proben durfte) an einem einsamen Ort am Waldrand, der dort wunderschöne Alphornmelodien in fantastischer Akustik spielte. Ein nettes Gespräch, und schon war die Aktion „Alphorn gegen Corona“ geboren. Jeden Tag wollten wir zusammen oder in Zweiergruppen mit unseren 3,68 m langen „Abstands-Instrumenten“ spielen, um Menschen, die zum Teil bis zu 9 km weit weg waren, ein Live-Musik-Erlebnis zu schenken. Inzwischen sind es über 90 Tage, an denen wir täglich irgendwo gespielt haben: auf Dächern, von Türmen, auf die uns die Feuerwehr mit der Drehleiter hochgefahren hat, auf Rettungsbooten auf dem Neckar, an exponierten Stellen in den Weinbergen, im Wald, auf Ehrenbalkonen von Oberbürgermeister*innen, auf Einladung von Menschen, die uns attraktive private Spielstätten angeboten haben. Profikollegen interessierten sich für unser Tun und machten mit. Inzwischen ist der Bekanntheitsgrad der „Esslinger Alphörner“ einer 10-köpfigen Gruppe von Spielern durch die Berichte in der Presse und durch mehrmalige Fernsehbeiträge (bis zum Mittagsmagazin der ARD) so groß, dass wir für die verschiedensten Anlässe gebucht werden: Geburtstage, Hochzeiten, Trauerfeiern, Jubiläen. Selbst in den härtesten Corona-Tagen hatten wir im Gegensatz zu vielen Kolleg*innen immer „Muggen“ und einen vollen Terminkalender.
Es ist nicht nur der persönliche Erfolg, der durch diesen Hype verursacht wurde (nach vier Wochen bereits über 60.000 facebook-Zugriffe), sondern es ist die Botschaft, die wir mit unseren Natur-Auftritten vermittelt haben: dass es allen Musiker*innen zur Zeit sehr schlecht geht, dass es keine Veranstaltungen und Konzerte gibt, dass die Veranstalter alles absagen müssen, dass eine ganze Branche leidet. Diese Botschaft zu vermitteln, war der Hauptantrieb. Die Reaktionen waren fantastisch: Die Zuhörer*innen haben uns mit ihren Reaktionen gezeigt, dass sie berührt sind, dass sie die Klänge als tröstend empfinden, dass sie die Musik brauchen. Und dass sie sich an „uns“ – meint alle, die Musik machen – auch nach der Krise erinnern werden.
Weitere Infos (Videos, Fernsehbeiträge, Corona-Tagebuch) unter www.fischer-esslingen.de