Sicher erinnern sich einige noch an frühere Jahre, als zeitgenössische Musik eher notgedrungen konsumiert wurde? Als diese Stücke, fast verschämt, in der Mitte des Programms zu hören waren, um es dem Zuhörer unmöglich zu machen, früher zu gehen oder gar später zu kommen? In Aalen gehört diese Zeit zweifellos der Vergangenheit an, füllten am Samstagabend, 25. Oktober, doch Besucherscharen schon zur Werkeinführung den großen Saal der Aalener Stadthalle.
Aufgewachsen in Aalen, begann Edgar Mann mit elf Jahren zu komponieren. Nach seinem Abitur in Schwäbisch Gmünd studierte er Komposition und Musiktheorie an der Musikhochschule in Hamburg. Zwei Jahre arbeitete er als Komponist und Klavierpädagoge in Rom, bevor er als freischaffender Musiker nach Aalen zurückkehrte. Auf der Suche nach einer neuen Tonalität außerhalb bestehender Regeln der Dur-Moll-Tonarten fand Mann seine ureigene Klangwelt. Nun widmete der Tonkünstlerverband Baden-Württemberg in Kooperation mit dem Verein Freunde der Tonkunst & Musikerziehung dem Komponisten einen eigenen Konzertabend. 17 junge, professionelle Musiker, darunter auch ehemalige Schüler, konnte Edgar Mann für diese Idee gewinnen.
Die Vertonung lyrischer Dichtung bildete einen Schwerpunkt des Programms. Drei französische Gedichte, „Trois poèmes lyriques“, konfrontierten eine Sängerin und sieben Instrumentalisten mit höchsten Schwierigkeiten. Unter der Leitung von Daniel Brenner wurden Intervallkonstruktionen zu schmerzvollen Empfindungen, spannungsreiche Langsamkeit traf auf exzessives gestalterisches Können. In „Sieben Tore“, ein Auftragswerk des Theaters der Stadt Aalen für drei Perkussionisten, begann die Trommel fast streichelnd, bevor sich die rhythmische Struktur von Takt zu Takt vielschichtiger entfaltete – bis zum furiosen Finale. Erneut von Dichtung geprägt war „Aus dem wogenden Meer der Menge sprang ein Tropfen lieblich zu mir“. Hier zeigten technische Effekte tiefgehende Wirkung. Zu einer Klangspur mit vorher eingespeisten Versen und der Echtzeitstimme von Ramona Suresh verhalfen Fugengummi und die Finger der zwei Pianistinnen den Flügelsaiten zu Flageoletttönen und Glissandi: im Hall des Raumes verlorenen sich Klänge, die sich im Inneren der Zuhörer wieder fingen.
In „Psalm der Nacht“ führte eine Geige historisch verankerten Lobgesang und zeitgenössische Melodik zur gefühlvollen Einheit zusammen. Es folgte das jazzig angehauchte „Autumn comes“ für Klavier, gefolgt von „Anagramm“ für eine melancholisch singende Viola und Klavier. „Fadensonnen“ machten erneut Lyrik erlebbar. Zwei Kontrabassbögen entlockten dem Vibraphon sphärische Töne, harfengleiche Klangwolken ent stiegen dem Flügel, wie ein Wiegenlied klang die summende Singstimme. Als zehntes Stück beschloss eine Uraufführung das Programm. Unter einer weichen Sopranstimmen-Decke verknüpfte „Beiseit“ die Instrumente im Dickicht der Rhythmen und führte Gegensätzliches zusammen. Dass dieses Konzerterlebnis nicht ohne die Hilfe vieler Freunde und Förderer möglich gewesen wäre, wusste auch Edgar Mann, als er, sichtlich bewegt, mit allen Mitwirkenden den Begeisterungssturm des Publikums entgegen nahm.