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Bedeutung der Musikschule in Politikerköpfen verankern

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Sibylle Gräfin Strachwitz, Bundesvorsitzende der Elternvertretungen der Musikschulen, über die Folgen der Finanzkrise
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2009 wurde Sibylle Gräfin Strachwitz in Berlin zur Bundesvorsitzenden der Elternvertretungen der Musikschulen des VdM (BEV) gewählt. Im Juni will sie, auf Anregung aus Frankenthal, die Leiter, Beiräte und Fördervereine der Musikschulen in der Metropolregion Rhein-Neckar zu einer Konferenz laden. Das Thema: das Überleben in der Finanzkrise. Mit der Grünstadterin sprach Birgit Möthrath.


Birgit Möthrath: Gräfin Strachwitz, droht Musikschulen Unheil in Zeiten knapper Kassen?

Sibylle Gräfin Strachwitz: Über allen Musikschulen im Land hängen die kommunalen Finanznöte wie ein Damoklesschwert. Bei ich glaube 85 Prozent der Ausgaben für die Pflichtleistungen bleibt wenig für die freiwilligen Leistungen, und nur da können Kommunen sparen. Dazu gehören eben auch die Zuschüsse an Musikschulen. Bei vielen Kommunen ist es überhaupt kein Thema, dass sie an den Zuschüssen für die Musikschulen festhalten. Aber bei vielen werden die Zuschüsse jetzt in Frage gestellt. Wenn man sich nicht vorher als Musikschule richtig gut etabliert hat in der Kommune, heißt es dann gleich: „Das sind die Eliteschüler, warum brauchen die eigentlich besonders viele Zuschüsse?“
Möthrath: In den 90er-Jahren wurden die Musikschulen sehr viel ernsthafter in Frage gestellt – die Neustadter gar geschlossen. Könnte so etwas wieder drohen?

Strachwitz: Wir hoffen es nicht. Im Moment sieht es noch ganz gut aus – zumindest in Rheinland-Pfalz. Aber auf Bundesebene gibt es ganz viele Musikschulen, die auf der Kippe stehen. In Nordrhein-Westfalen etwa rollen im Moment unheimlich die Köpfe. Da ist auch das Finanzkonzept ein anderes. Da gibt es nur einen Zuschuss von 1,2 Prozent vom Land, wir haben immerhin 7,2 Prozent.

Möthrath: Was können die Musikschulen dagegen machen?

Strachwitz: Ich denke, im Moment sind die Musikschulen im Land ganz gut etabliert. In Frankenthal läuft es ja hervorragend, die Musikschule ist aus der Kulturlandschaft nicht mehr wegzudenken. Die Musikschulen müssen sich unentbehrlich machen.

Möthrath: Und wie?

Strachwitz: Mit Veranstaltungen, Präsenz in der Öffentlichkeit. Und, indem sie in die Schulen reingehen. Bei G8 und Ganztagsschulen wird die Zeit für Musikunterricht knapper. Da muss man versuchen, in die Kernzeiten reinzukommen, wie das in anderen europäischen Ländern gang und gäbe ist, oder – darauf müssen sich die Musikschulen sicher einstellen – man macht Angebote am Abend oder am Sonn-abend. Wer da nicht auf dem Quivive ist, geht verloren.

Möthrath: Reicht das?

Strachwitz: Nicht immer. Das ist eben das Problem. Abgesehen von der Präsenz muss die Bedeutung der Musikschule für eine Kommune natürlich auch in den Köpfen der Politiker verankert werden. Nicht nur beim Bürgermeister, der vielleicht besonders musikinteressiert ist und beispielsweise in Grünstadt auch im Vorstand des Trägervereins ist – der setzt sich natürlich schon dafür ein; sondern auch bei den Stadträten, die oft nicht wissen, was wir leisten. Das ist auch die Aufgabe von Eltern. Oft ist nicht bekannt, dass Musikschulen eben keine Eliteschulen sind für irgendwelche Auserwählten, sondern dass es Sozialermäßigung gibt und Geschwisterermäßigung und kostenlose Ensemblearbeit. Das Geld, das man dort investiert, ist wirklich wenig im Vergleich, wenn ein Kind auf der Straße landet. Musikschulen und Sport werden bei der Jugendarbeit oft in einem Atemzug genannt. Es hat auch keinen Zweck, sich gegenseitig auszuspielen.

Möthrath: Sport wird ja vor allem von Ehrenamtlichen in Vereinen angeboten. Welche Existenzberechtigung haben öffentlich geförderte Musikschulen?

Strachwitz: Die musikalische Ausbildung setzt eine andere Qualität voraus, als wenn jemand eine Turnstunde abhält. Ich will das nicht runtermachen. Aber ausgebildete Musikschullehrer haben ein Musikstudium und ein Pädagogikstudium hinter sich und haben sich nicht in einem Wochenendseminar Blockflötenkenntnisse angeeignet. Sie müssen natürlich entsprechend bezahlt werden. Keiner käme etwa auf die Idee, in der Stadtverwaltung Leute auf Honorarbasis zu bezahlen.

Möthrath: Wie können sich Musikschulen Geldquellen erschließen, um nicht allein am Tropf der Kommunen zu hängen?

Strachwitz: Da gibt es kaum Möglichkeiten. Für die Kooperationsangebote mit Schulen und Kitas kann man Sponsoren suchen. Aber eine ganze Musikschule kann nicht von einer Firma xy abhängig sein – und wenn es dieser Firma dann schlecht geht, bricht so ein System zusammen. Die Aufrechterhaltung des normalen Betriebs geht nur über öffentliche Zuschüsse. Die Elternvertretungen und Fördervereine setzen sich dafür ein, dass die Zuschüsse der Kommunen in die Pflichtleistungen im Sinne eines vollständigen Bildungsangebotes aufgenommen werden.

Möthrath: Kann da eine Initiative wie die Frankenthaler Musikschul-Stiftung helfen?

Strachwitz: Die Stiftung ist eine ganz tolle Sache, die Idee haben wir uns jetzt auch für Grünstadt abgekupfert. Für verschiedene Projekte, die im normalen Haushalt nicht möglich sind, oder auch, um eine Krise zu überbrücken – keine Frage. Aber Zuschüsse können auch eine Stiftung nicht ersetzen.

Möthrath: Sind Musikschulen mit ihrer Konzentration auf die Klassik nicht längst überkommen?

Strachwitz: Rock und Pop haben längst Einzug in die Musikschulen gehalten. Um das auch in der Öffentlichkeit zu demonstrieren, veranstaltet der Landesverband Rheinland-Pfalz alle zwei Jahre den Wettbewerb „Music-Power“ für Jazz-, Rock- und Pop-Gruppen. Sollte eine Musikschule tatsächlich nur Klassik anbieten, ist sie selbst schuld, wenn man sie für nicht tragbar hält.

Möthrath: Sie sind Bundesvorsitzende. Wie können Sie sich denn in Berlin für die Musikschulen stark machen?

Strachwitz: Das ist relativ schwierig, aber wir versuchen, in der Öffentlichkeit und unter Politikern aufzuzeigen, welchen Wert die Musikschulen haben.

Der Bundespräsident, der beim Musikschulkongress letztes Jahr dabei war, hat nach seiner wirklich hervorragenden Rede gesagt: „Ach ich wusste gar nicht, dass Sie auch schon so kleine Kinder unterrichten.“ Er vergibt nicht das Geld, das ist klar. Der Bund ist in diesem Fall völlig außen vor. Aber wenn der Bundespräsident schon nicht genau weiß, was Musikschulen leisten, wie ist es dann auf anderen Ebenen? Deshalb ist Lobbyarbeit auf der Bundesebene wichtig. Und das können Eltern unabhängiger als Musikschulleiter, die vielleicht auch um ihren Job fürchten, wenn sie sich engagieren und vielleicht nicht immer so, wie das politisch gewollt ist.

(Abdruck mit freundlicher Genehmigung der Zeitung RHEINPFALZ.)

Information

Am 12. Juni, 9.30 bis 12 Uhr, lädt Sibylle Gräfin Strachwitz die Elternbeiräte, Fördervereine und Leiter der Musikschulen in der Metropolregion Rhein-Neckar zu einem Arbeitsfrühstück nach Frankenthal. Die Themen: Stärkung der Schulelternbeiräte und Fördervereine über Fundraising, verbesserte Einflussnahme auf die Träger, Stärkung der Musikschulen als kulturelle Kompetenzzentren, Einbindung von Schulbeirat und Fördervereinen in die Kompetenzen der Musikschulen.

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