In der Oper Halle beginnt Florian Lutz seine Intendanz mit einem großen Spektakel um den „Fliegenden Holländer“ von Richard Wagner. Joachim Lange mit seinen Premiereneindrücken.
Wer in Halle sagt, dass er in den „Fliegenden Holländer“ geht, meint das auch so. Man wird nämlich im wahrsten Wortsinn an Tauen hineingezogen und ist dann mitten drin im Geschehen. Zumindest all die, die nicht in den Rängen des Hauses auf die theaterübliche Zuschauer-Distanz gehen. In der Raumbühne von Sebastian Hannak mit dem schönen Namen „Heterotopia“, die für den zweiwöchigen Eröffnungsmarathon der neuen Spielzeit und Intendanz ins Opernhaus hineingebaut wurde, wird aus dem Parket der VIP-Bereich mit gepolsterten Bänken, ein paar Sofas, einem gedeckten Kapitänstisch, samt live serviertem Dinner, und einer Treppe in den Rang. Der Orchestergraben ist zum Klangpool mutiert, den ein Geländer umrahmt. Auf der Bühne ein alter Ford mit dem vielsagenden Nummernschild ER-IK. Daneben, unter einer Laterne, Biergarten-Bänke und Tische. Im Hintergrund ein paar Wohnetagen für die Seemannsfrauen. Urbaner Plattenlook, komplett eingerichtet, samt Versorgung mit Cocktails, Kaffee und Kuchen für die Zuschauer, die hier ihren Platz fanden. Und dann gibt es hinter einem Zaun und Menschen mit Decken um die Schultern und Tüchern überm Kopf. Hier wird ein Teil der Zuschauer zu Flüchtlingen.
Wenn der Holländer das Schloss am Zaun mit dem Bolzenschneider durchtrennt, erinnert das manch einen an die Zeit, als die Ungarn den sprichwörtlichen Eisernen Vorhang physisch öffneten, die meisten aber wohl daran, dass dort jetzt ein Neuer gebaut wurde. Die Welt von heute flackert auch ganz direkt, eins zu eins, als virtuelle Nachrichten-Bilderflut auf die Bühne, in das Haus, das Stück und unseren Kopf. An diesem Zaun kommt der Abend denn auch politisch auf den Punkt. Zwischen Dalands Männern, die vom Steuermann gerade noch für die Stürme des Lebens, sprich der Konkurrenz gecoacht wurden, und den unbekannten, unheimlichen Fremden hinter dem Zaun eskalieren die Vorbehalte im Crescendo von Wagners latent aggressiven „Steuermann, lass die Wacht“ bis zum Durchbruch durch den Sperrzaun und den Ausbruch von Gewalt. Das sitzt. Auch wenn es im Widerspruch zum Auftritt des Holländers steht, der dort zu Beginn Smartphones verteilt und sich dabei PR-wirksam filmen lässt.
Überhaupt der Holländer. So ganz eindeutig erschließt sich nicht, wer er eigentlich ist. Der bei Wagner Verfluchte, nach Erlösung Suchende, ist hier eher stinkreicher Getriebener, ein Weltverbesserer, der gleichwohl seinen Anteil an ihrem Zustand hat. Er kommt in einem Look daher, den die Neumilliardäre wie Mark Zuckerberg oder Bill Gates eingeführt haben. (Auf diese Spur führt einen allerdings nur ein Essay von Dramaturg Veit Güssow in der Theaterzeitung.)
Die Raumbühne, in deren verschiedene Bereiche sich die Zuschauer verteilen lassen oder selbst zuordnen, simuliert die Welt wie sie ist: Im Luxus die einen, beim Kampf um die Jobs mit Arbeitswesten und Helm die anderen. In der kleinbürgerlichen Enge bei denen, die halbwegs Durchkommen. Alle der Reizüberflutung durch die Bilder der wirklichen Welt ausgesetzt. Den Andrang der Flüchtenden mehr oder weniger vor Augen, mit zelebriertem Helfenwollen und wütender Verweigerung als Reaktion. Diese Nähe zur Gegenwart, vor allem aber die Tuchfühlung zu den Interpreten imaginiert den Energiestrom, der sonst von der Musik ausgeht, die Wagners erster wirklich großer Wurf zu entfalten vermag.
Mit der offensichtlich von ihrer Lebenssituation psychisch angeknackste Senta, die mit sich klarzukommen versucht, indem sie realen (Flüchtlings-)Kindern hilft und einem ziemlich irrealen Traum-Mann nachhängt, ist man dicht an der klassischen Geschichte. So wie mit dem bodenständig prollige Erik, der sie zur Vernunft zu bringen versucht und ihr in seinem Liebhaberstück auf vier Rädern von seinem Traum erzählt. Dazu passt es, dass die Leute unzweideutig zu erkennen geben, was sie von Sentas Treu-bis-in-den-Tod-Gerede halten. Wenn dann alle Beteiligten ihre Kostümierung ablegen und in Zivil nun ihrerseits die Nähe zu den Zuschauern suchen, dann ist das stringent und passt zu dem gespielten Schluss der Oper ohne die Erlösungsutopie. Da hätte man gut auf das pseudoreligiöse Ritual mit dem gegenseitigen Stirnberühren verzichten können. Als Spektakel ist die Auftaktinszenierung von Intendant Florian Lutz grandios. Auch wenn man sich als Zuschauer wahrscheinlich immer in den jeweils anderen Teil dieser Bühnenwelt wünscht. Tatsächlich hat jede Perspektive ihren Reiz.
Freilich hat diese Art Theater einen Preis, der manchem Opernfreund möglicherweise zu hoch sein mag. Es dauert nach der mit Schlafmaske vor den Augen im Stehen erlauschten Ouvertüre eine ganze Weile, bis die Musik überhaupt eine Rolle spielt. Und das liegt nicht nur daran, dass die Staatskapelle und ihr Chef Josep Caballé-Domenech bei der Premiere offensichtlich nicht ihren besten Tag hatten. Bis jeder Zuschauer einen Platz gefunden hat, hat es das neue Ensemble Mitglied Vladislav Solodyagin schwer, sich als Kapitän Daland zu behaupten. Lucie Cerelová ist eine dunkel leuchtende Frau Mary, Robert Sellier stemmt seinen Coach-Steuermann mit vollem Einsatz. Heiko Tinsinger bewältigt die darstellerische und stimmliche Holländer-Herausforderung ebenso wie Dorothea Herbert als Senta. Beide können freilich nicht die Einschränkungen für die Zuschauer überbrücken, die ihnen bei den großen Arien gerade im Rücken sitzen. Der vokale Held des Abends ist aber Ralph Ertel als Erik. Der spielt das nicht nur höchst überzeugend, der ist auch in jeder Positionen zu verstehen, durchschlagskräftig – eine Wagnerpracht. Der Chor unter seinem neuen Leiter Rustam Samedov ist auf der Höhe seiner eigentlichen und der Zusatzaufgaben, die er diesmal hat.
Alles in Allem ein gelungener Auftakt. Mit Eventfaktor und als Anregung für kontroverse Diskussionen.