Hauptbild
Joachim Kühn, fotografiert von Ssirus S. Pakzad.
Joachim Kühn, fotografiert von Ssirus S. Pakzad.
Hauptrubrik
Banner Full-Size

Joachim Kühn zum 70. Geburtstag – Ein Weltbürger des Jazz

Publikationsdatum
Body

Er stammt aus Leipzig, ist am Klavier, als Komponist sowie als Improvisator ein Weltstar des Jazz, er spielt Saxofon und bringt den Jazz sogar auf der Leinwand zum Klingen – Joachim Kühn wird heute 70.

Druckvoller Anschlag, synkopenreicher Rhythmus, immer wieder gebrochene Töne in den Weiten der Improvisationskunst – der Pianist Joachim Kühn hat einen eigenen Klang. Ob er Werke von Johann Sebastian Bach über George Gershwin bis Kurt Weill interpretiert, sich Standards des Jazz widmet, Ausflüge in arabische Folklore und sogenannte Weltmusik unternimmt oder eigenen Kompositionen frönt – Kühn bleibt stets unverwechselbar Kühn. Heute wird der in Leipzig geborene Weltstar, der frühzeitig von den Traditionen des Thomanerchores geprägt war, 70 Jahre alt.

Der Mann ist ein Phänomen in seinem Fach. Obwohl (oder weil) er sich bei aller Originalität kaum auf ein solches festlegen lässt. Ein Jazzmusiker, ganz und gar aus dem Geist des Quintenzirkels Bachscher Musikwelt. Ein Improvisator, der mit jedem noch so spontanen Einfall zu verzaubert, seine Hörer ebenso wie die Mitstreiter verführt. Ein Komponist, dessen Erfindungskunst keine Grenzen kennt. Kühns launige Einfälle wirken ähnlich unerschöpflich wie die faszinierende Spieltechnik des Jubilars, sind von tief empfundener Leidenschaft geprägt, mit unikater Dynamik versehen und von einer wahnwitzigen Fingerkunst versehen.

Sein herausragendes Handwerk hat Joachim Kühn beizeiten in klassischer Ausbildung erlernt. Der Weg als Konzertpianist schien vorgezeichnet, doch wirkte der Einfluss des fast 15 Jahre älteren Bruders Rolf bestimmender. Der nämlich fand in frühen Nachkriegsjahren durch die heute fast vergessene Jutta Hipp beizeiten zum Jazz, spielte im 1947 gegründeten Rundfunk-Tanzorchester Leipzig Saxofon und Klarinette, wechselte drei Jahre später zum Rias und machte bald darauf in den USA Karriere.

An seinem „kleinen Bruder“ Joachim ging all dies natürlich nicht spurlos vorbei, erste Schritte in Richtung Jazz unternahm er mit Freidenkern wie Ernst-Ludwig Petrowsky, Klaus Koch und Klaus Lenz. Mit Mitte zwanzig trat Kühn bei Jazzkonzerten in Prag und Warschau auf, reiste 1966 zu einem von Friedrich Gulda organisierten Wettbewerb nach Wien und lebte fortan im Westen Deutschlands. Dort fand er raschen Anschluss an die internationale Szene, spielte sofort mit seinem Bruder beim Jazzfest Berlin sowie beim Newport Jazz Festival, wurde frühzeitig als einer der wenigen weißen Musiker im Jazz als stilbildend akzeptiert. Die wichtigste Visitenkarte damals dürfte das mit Rolf Kühn produzierte Album „Impressions of New York“ (Impulse!)gewesen sein.

Zwar verliefen die Lebenswege beider Brüder unterschiedlich, entfernte sich ihre Auffassung vom Jazz, doch bis in die jüngste Vergangenheit kam es immer wieder zu fruchtbaren Begegnungen zwischen dem „Traditionalisten“ Rolf und dem Innovator Joachim. 2011 erhielten sie gemeinsam den Jazz-Echo-Preis für ihr Lebenswerk, im selben Jahr brachten sie mit der CD „Lifeline“ ihre Lebenslinien wieder nah zueinander.

Joachim Kühns frühe Stationen Paris und Kalifornien folgten oft musikalischen Strömen. In bemerkenswertem Zusammenspiel etwa mit Michel Portal, vor allem jedoch im Trio mit Jean-François Jenny-Clark und Daniel Humair entstanden Meilensteine des Jazz, die auf früh erweiterte Freejazz-Ambitionen Kühns in Verbindung mit Klassik- und Jazzrock-Erfahrungen sowie auf einer absoluten Treffsicherheit ergreifender Stimmungen und perfekter Virtuosität fußen. Raren Sternstunden glich  das Zusammenspiel von Kühn mit dem Saxofonisten Ornette Coleman, zunächst in Verona, dann in Leipzig – als bleibendes Zeugnis entstand 1996 dort die CD „Colors“. Joachim Kühn wird zuvörderst als Jazzpianist gesehen, versteht aber auch selbst grandios am Saxofon zu wildern.

Immer wieder riss Kühn vermeintliche Mauern zwischen Klassik und Jazz ein, musizierte beispielsweise mit dem Organisten Matthias Eisenberg und geriet so erneut an die musikalischen Ursprünge, verflocht Bachs Fugen- mit seiner Improvisationskunst. 1998 folgte „Bach now!“, einem weiteren Projekt der Leipziger Jazztage, diesmal mit Georg Christoph Biller und den Thomanern.

Joachim Kühn, der seit vielen Jahren auf Ibiza sowie in Paris zu Hause ist, gilt längst als anerkannter Weltbürger des Jazz. Dass er darüber hinaus auch als bildender Künstler von sich reden macht, ist nur wenig bekannt. Weniger als Abwechslung denn als Ergänzung seiner Suche nach immer neuen künstlerischen Möglichkeiten entstanden in den vergangenen Jahren großformatige Bilder, die allesamt von freier Musik inspiriert sind.

In seiner Kunst fegt er scheinbar alle festgefügten Kategorien über den Haufen und überwindet so auch stilistische Grenzen, wie seine famosen Experimente etwa mit Rabih Abou-Khalil unterstreichen. Auch in dieser so ganz anders gearteten Klangwelt ist Joachim Kühn, ohne aufdringlich dominant zu wirken, ganz und gar Joachim Kühn. Druckvoll synkopenreich in den Künsten versunken.

Weiterlesen mit nmz+

Sie haben bereits ein Online Abo? Hier einloggen.

 

Testen Sie das Digital Abo drei Monate lang für nur € 4,50

oder upgraden Sie Ihr bestehendes Print-Abo für nur € 10,00.

Ihr Account wird sofort freigeschaltet!