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Das langsame Ende der Ignoranten

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Zum Dilemma des fehlenden Schulmusikunterrichtes
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Ina (11) kommt in Düsseldorf in die Klasse 5 des Gymnasiums; große Vorfreude und dann der Schock für Kind und Eltern: Nicht dass die Schulbücher selbst bezahlt werden müssen – das kann man bei der derzeitigen Haushaltslage der Kommunen noch verstehen –, sondern dass es in Klasse 5 und 6 keinen Musikunterricht gibt. Wenigstens hat sie noch privaten Klavierunterricht.

Karen und Markus aus Kiel kämpften bis zum Schluss darum, dass an ihrer Schule ein Leistungskurs Musik in der gymnasialen Oberstufe eingerichtet wird. Beide spielen im Landesjugendorchester und sind hochmotiviert; sie schaffen es auch, die nötige Zahl der Interessierten zusammenzubringen, es gibt auch einen Lehrer, der bereit ist, den Kurs zu unterrichten. Doch der Kurs wird abgelehnt; er passt nicht zum Schulprofil. Vorschlag der Schulleitung: Schulwechsel. Außerdem würden sie schon genug Musik in ihrer Freizeit machen.

Gyner (15) hat in Hannover erfolgreich die Förderschule durchlaufen und dann ihren Hauptschulabschluss bestanden. Bei der Entlassungsfeier stellt sie fest, dass sie weder in ihrer Grundschulzeit noch auf ihrer jetzigen Schule je eine einzige Stunde Musikunterricht hatte – wie ihre Mitschüler auch. Keiner, weder Eltern oder Lehrer noch die Schulverwaltung nahmen daran Anstoß, denn „es gibt doch keine Musiklehrer auf dem Markt“. Eine Möglichkeit musikalischer Betätigung hat sich nur im Rahmen der türkischen Tanzgruppe geboten.

Drei Beispiele, zufällig im letzten Jahr gesammelt, die deutlich erkennen lassen: Musik in unseren Schulen spielt keine Rolle. Die Sonder- oder Förderschule hat so gut wie keine Chance, aus dem Dilemma fast völlig fehlenden Musikunterrichtes herauszukommen, die Grundschule versucht sich über die Runden zu retten, indem sich wenigstens einige Lehrer bereit erklären, fachfremd zu unterrichten – oft auf sich selbst gestellt und ohne jede Unterstützung durch die Lehrerfortbildungsinstitute, weil auch dort das Fach Musik kaum noch eine Rolle spielt. In den Haupt- und Realschulen sieht es etwas besser, aber alles andere als gut aus: Immerhin erhalten dort nach einer Umfrage des Verbandes Deutscher Schulmusiker (vds) immerhin noch knapp 40 Prozent Musikunterricht. Und das Gymnasium ist in dieser trostlosen Lage noch am Besten versorgt: Im Schnitt sind 64 Prozent des Unterrichts gemäß der Stundentafel sichergestellt. Noch. Denn es kommt jetzt schlimmer; die Universitäten und Musikhochschulen klagen über massiven Nachwuchsmangel (kein Wunder, wenn es kaum Leistungskurse gibt), die Pensionierungswelle aber rollt an, weil das Durchschnittsalter der Lehrer etwa 47 Jahre beträgt. Doch gerade bei den Jüngeren ist das Fach Musik schlechter verteten als in der nachfolgenden Generation.

Ignorante Politiker

Schuld an dieser Misere sind viele: Die ignoranten Politiker, die in den „guten“ Jahren nicht daran gedacht haben, Absolventen der Hochschulen und Universitäten auch einzustellen, die ignoranten Ausbildungsinstitutionen, die kaum einen ernsthaften Versuch unternommen haben, die verkrusteten Ausbildungsgänge der Lehrerbildung zu reformieren, die ignoranten Schulkonferenzen, die dem Fach Musik auch dort, wo Schüler- und Eltern dies fordern, an ihren Schulen kaum oder keinen durchgängigen Unterricht zugestanden, die ignoranten Schulverwaltungen, die sinnvolle Fächerbesetzungen verhinderten zugunsten eines diffusen Schlüs sels „Lehrer-Schüler-Relation“. Aber auch ignorante Verbände, die sich nicht auf gemeinsame Strategien einigen konnten, die nicht imstande waren zu sehen, dass das Haus bereits brannte, während sie noch darüber stritten, wer das größere Zimmer bekommen sollte. Und es gab und gibt ignorante (Musik-)Lehrer, denen sowieso alles egal zu sein scheint. Es war die Ignoranz gegenüber einem Phänomen, das sich nur schleichend ausbreitete, dessen Ergebnis sich aber jetzt (in allen Bundesländern!) mehr oder weniger dramatisch abzeichnet: Das Grundrecht auf musikalische Bildung ist im Musikland Deutschland nicht gesichert, vielmehr entfernen wir uns mit großen Schritten von dem Ziel, allen Kindern und Jugendlichen eine ästhetische Bildung zuteil werden zu lassen.

Ungeduldige Visionäre

Doch – glücklicherweise – handelt es sich nicht um eine totale Ignoranz. Es gab und gibt immer noch die aus der Mode gekommenen ungeduldigen Visionäre in den Schulen, den Hochschulen, den Schulverwaltungen, die es nicht ertragen können, dass etwas so ist, wie es ist, es gibt sie noch, die Politiker, die noch nicht in ihrem durch den hoffnungslosen Alltag geprägten Zynismus so zerstört sind, dass sie nur noch verwalten statt zu gestalten.

Ganz gewiss gehört dazu der Bundespräsident, der mit seinem Fest „Musik für Kinder“ am 9. September ein Signal setzt, das bundesweit so etwas wie einen „Ruck durch die Gesellschaft“ bewirken soll, der die Frage der musikalischen Bildung ins öffentliche Bewusstsein rücken soll. Interessanterweise saßen ein Jahr lang die unterschiedlichsten Kräfte im Bundespräsidialamt an einem Tisch: Stiftungen, Verbände, Einzelpersonen, aber eben auch die Vertreter des Bundespräsidialamtes.

So hoch aufgehängt – das konnte nur gut gehen, denn für Eitelkeiten war an diesem Ort kein Platz. Keine ignorante Bemerkung, kein Hochmut oder eine Überheblichkeit, sondern nur der gemeinsame Wille, diesen symbolischen Tag zu einem Erfolg werden zu lassen, der über das Ereignis selbst verweist: Musikalische Bildung lohnt nicht nur, sie ist sogar unverzichtbar, für das Schulklima ebenso wie die sozialen Erfahrungen des Einzelnen. Was dem Bundespräsidenten besonders wichtig war: Es muss die ganze Breite musikalischer Kultur vertreten sein – und nicht nur die so genannte klassische, die immer noch in den Schulen nach einer neuen Umfrage mit etwa 74 Prozent vertreten ist.

Der Deutsche Musikrat, nach der lähmenden Phase der Insolvenz inzwischen wieder äußerst aktiv, entschied sich sehr schnell dazu, nach dem Modell des Kongresses „Kinder und Musik“ im Jahre 2001 in Hannover ein eintägiges Expertentreffen am Vortag in Berlin stattfinden zu lassen. Eröffnet wird er mit einer Grundsatzrede des Bundespräsidenten Johannes Rau zur Frage musikalischer Bildung in dieser Gesellschaft, anschließend diskutieren Bernhard v. Loeffelholz, Thomas Stein, Klaus Meine und Fritz Pleitgen über die Frage „Musik bewegt!?“

Anschließend werden in verschiedenen Panels zentrale Themen der aktuellen kulturpolitischen Diskussion behandelt – bewusst mit dem Außenblick verbunden und nicht fixiert auf Insidergespräche. Ob es um die kulturell brennende Frage geht, wie wir in der Bildung dem Anspruch kultureller Orientierung gerecht werden („Kulturelle Identität als Voraussetzung für den interkulturellen Dialog?“) oder ob die Frage diskutiert wird, inwieweit man damit rechnen kann, dass sich nicht nur der Instrumentalunterricht oder die Musikvereine der Vermittlung von Musik verpflichtet wissen („Kann man Musik vermitteln?“) –, stets geht es um übergreifende Sichtweisen, die sich nicht aus der jeweiligen Eigenperspektive allein problematisieren lassen.
„Wer verantwortet musikalische Bildung?“ und „Brauchen wir Forschung im kulturpolitischen Alltag?“ – diese Panels haben eine Aufgabe, die Gesamtverantwortung für die musikalische Bildung von Kindern und Jugendlichen zu verdeutlichen. Von Martin Roth bis Klaus Meine, von Dieter Gorny bis zu Albin Hänseroth haben alle Angefragten äußerst bereitwillig zugesagt. Denn es brennt allen auf den Nägeln, den Schulen, den Musikschulen, den Rundfunkanstalten, den Opernhäusern, den Chören, ja sogar den vielen freien Trägern, die sich für den Nachwuchs im rockmusikalischen Bereich engagieren.

Die Ignoranz früherer Zeiten weicht langsam aus den Gehirnen der Verantwortlichen, die spät, aber vielleicht doch nicht zu spät, erkennen, wie sehr alles mit allem zusammenhängt. Darum beginnt spätestens jetzt der Kampf um das musikalische Network – und die Schlacht ist nicht verloren.

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