Es gilt als ein wichtiges Zeugnis des Widerstands gegen den Nationalsozialismus: Vor 90 Jahren sang ein Häftlingschor in einem Konzentrationslager im Emsland erstmals das bekannte Lied «Wir sind die Moorsoldaten» - nun ist an die Uraufführung erinnert worden.
Esterwegen - Die NS-Gedenkstätte Esterwegen im Emsland hat an die Geschichte des bekannten Konzentrationslagerliedes «Wir sind die Moorsoldaten» erinnert. Das Lied wurde am Sonntag vor 90 Jahren, am 27. August 1933, erstmals von Häftlingen im Konzentrationslager Börgermoor gesungen und vor Publikum aufgeführt. Es gilt als ein Symbol des Widerstands gegen den Nationalsozialismus.
«Das Lied der Moorsoldaten ist sehr wahrscheinlich das wirkungsmächtigste Lied aus deutschen Konzentrationslagern. Es packt die Menschen bis heute», sagte der Co-Leiter der Gedenkstätte Esterwegen, Sebastian Weitkamp, in einer Mitteilung des Landkreises Emsland, der die Gedenkstätte betreibt, zum Jahrestag.
Uraufgeführt wurde das Lied von einem Häftlingschor bei einer von der SS-Wachmannschaft in dem Lager erlaubten Kulturveranstaltung mit dem Titel «Zirkus Konzentrazani». Der Text und die Melodie des Liedes kamen von dem Theaterschaffenden Wolfgang Langhoff, dem Gewerkschafter Johann Esser und dem Kommunisten Rudi Goguel.
Das Lied drückte das Leid der Häftlinge aus, die mit ihren Spaten das Moor kultivieren mussten - es ließ zwischen den Zeilen aber auch die Hoffnung auf ein Ende des Nationalsozialismus und eine Überwindung von Gewalt und Terror erkennen. In der letzten Strophe des Liedes heißt es etwa: «Ewig kann's nicht Winter sein».
Unter dem Hashtag #Heutevor90Jahren erinnerte die Gedenkstätte in den sozialen Medien an den Jahrestag der Uraufführung. Auf einem Youtube-Kanal wurden neue Aufnahmen des Liedes etwa von einem Streichquartett, einer Punkrock-Band und einem Männergesangsverein veröffentlicht. Zuvor waren junge Menschen und Musiker aus dem Emsland angeregt worden, sich neu mit dem Lied auseinanderzusetzen.
Obwohl das Lied nach der Uraufführung von den Nationalsozialisten verboten wurde, verbreitete es sich durch entlassene Häftlinge laut der Gedenkstätte bereits in den 1930er Jahren weltweit. Demnach existieren heute mehr als 500 bekannte Versionen des Liedes, das auch in zahlreiche Sprachen übersetzt wurde.
Bekannt wurde etwa auch eine Interpretation der Band Tote Hosen 2012. Sänger Campino (61) betonte in einem am Sonntag veröffentlichten Video, das Lied bedeute für die Düsseldorfer Band viel. «Es ist ja eigentlich eine inoffizielle Hymne aller Inhaftierten gewesen in Konzentrationslagern. Es war eine Durchhalteparole gegen dieses schreckliche Regime.» Campino erinnerte auch daran, dass in Börgermoor viele Menschen aus Nordrhein-Westfalen inhaftiert waren.
Die Gedenkstätte und der Landkreis gaben zudem bekannt, dass das Lied als Immaterielles Kulturerbe der Unesco anerkannt werden soll. Emslands Landrat Marc-André Burgdorf (CDU) teilte mit, die Aufführung des Liedes sei ein symbolträchtiger Akt gegen das Unrechtsregime gewesen. «Seiner großen Bedeutung möchten wir Rechnung tragen, indem wir es zur Aufnahme als Immaterielles Kulturerbe vorschlagen.»
Die Entstehungsgeschichte des Liedes und seine Hafterlebnisse hatte der spätere Theaterintendant Langhoff in seinem 1935 im Schweizer Exil erschienen Buch «Die Moorsoldaten» geschildert. Wenige Tage vor der Aufführung hatten die SS-Wachleute mehrere Häftlinge verprügelt und schwer verletzt. Die Häftlinge wollten sich die Misshandlungen nicht gefallen lassen und der Gewalt «mit Witz und Kultur» begegnen, wie die Gedenkstätte mitteilte. Sie improvisierten den «Zirkus Konzentrazani», der Zuversicht verbreiten sollte.
«Wir, die wir nicht mehr das Leben von Menschen führten, hatten es gewagt, für einige Stunden über uns selbst zu bestimmen, ohne Befehle, ohne Anweisungen, ganz so, als ob wir unserer eigenen Herren wären und als ob so eine Einrichtung wie Konzentrationslager nicht existierte», schrieb Langhoff in seinem Buch rückblickend.
In den berüchtigten Emslandlagern, die der NS-Staat zwischen 1933 und 1945 in der Region betrieb, kamen mehr als 20 000 Menschen aus verschiedenen europäischen Ländern um - darunter Verfolgte des Naziregimes, Straf- und Untersuchungsgefangene sowie Widerstandskämpfer. Prominentestes Opfer der Lager war der Friedensnobelpreisträger von 1936, Carl von Ossietzky. Er starb 1938 an den Folgen des grausamen Lageraufenthaltes.