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Lorin Maazel dirigiert in Peking Musikerinnen und Musiker aus drei deutschen Staatsorchestern zur Eröffnung der Sonderschau „Die Kunst der Aufklärung“. Foto: René Gaens
Lorin Maazel dirigiert in Peking Musikerinnen und Musiker aus drei deutschen Staatsorchestern zur Eröffnung der Sonderschau „Die Kunst der Aufklärung“. Foto: René Gaens
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Von der Ironie der Aufklärung

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Die Staatskapelle Dresden bei ihrer vierten China-Tournee
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Es klang schon im Vorfeld allzu verwegen: Aufklärung am Platz des Himmlischen Friedens – werden da nicht Feuer und Wasser gemischt? Jeder Versuch, etwas zum Leuchten zu bringen, müsste an diesem geschichtsträchtigen Ort doch erlöschen. Oder, so wäre vorab noch zu fragen gewesen, unterschätzt da nicht deutscher Hochmut die Fähigkeiten Chinas zum inneren Wandel?

Dialog war angesagt. Und deutsch-chinesischer Kulturaustausch. Dazu unternahm die Sächsische Staatskapelle ihre vierte Tournee in die Volksrepublik. Erstmals sollte es nur und ausschließlich ins Reich der Mitte gehen, denn durch den ursprünglichen Reiseplan wurde ein dicker Strich gemacht. Das schon einmal verschobene Debüt des 1548 gegründeten Klangkörpers auf afrikanischem Boden musste erneut storniert werden. Wegen der politischen Unruhen in Ägypten wurden die lange geplanten Konzerte in Alexandria und Kairo neuerlich abgesagt. Niemand wüsste zu sagen, ob die Menschen dort nicht gerade jetzt der Kunst und Kultur bedürften oder ob die Interessenlage in ganz andere Richtungen zielt. Also ging es auf dem Direktweg nach China. Aus Gründen der langfristigen Marktpflege – auch so etwas will im heutigen Kulturbetrieb bedacht sein – waren die sonst üblichen Abstecher nach Korea und/oder Japan nicht vorgesehen. Für beide Stationen ist im nächsten Jahr eine Tournee mit Christian Thielemann geplant.

Direktweg mit Nachwehen

Die diesjährige Fernost-Reise sollte an historische Erfolge der Staatskapelle, etwa an ihr China-Debüt unter Giuseppe Sinopoli im Jahr 2000, anknüpfen. Doch es stand auch noch unter dem Schatten der Nachwehen von Fabio Luisis vorzeitigem Rückzug aus dem Amt als Generalmusikdirektor. Also musste guter Ersatz am Dirigentenpult gefunden werden. Mit dem Geiger Nikolaj Znaider, der schon wiederholt mit dem Dresdner Vorzeigeorches­ter zusammenarbeiten konnte, war ein kundiger Mann zu haben, der sich sehr freundschaftlich auch des chinesischen Solisten Mengla Huang annahm. Das ist ein in seiner Heimat beliebter Violinist, der eben eine CD mit Paganinis Capricen vorgelegt hat, erhältlich unter dem Deutsche-Grammophon-Label nur auf dem chinesischen Markt.

Nach zwei Stationen in Schanghai und Guangzhou ging die alles in allem gut 18.200 Flugkilometer umfassende Tour in die Hauptstadt des 1,3-Milliarden-Landes. An allen Orten fand die Kapelle das vor, was ihr zu Hause sehr fehlt: Konzerthäuser mit Akustik vom Feinsten. Sei es im neuen Opernhaus von Guangzhou, das Zaha Hadid konstruierte, sei es im Shanghai Oriental Art Center oder im National Center for the Performing Arts in Peking, beide vom Franzosen Paul Abreu entworfen – stets gaben die jeweils gut 2.000 Plätze bietenden Klangräume vortrefflich wider, was von den knapp einhundert Musikerinnen und Musikern in konzentrierter Qualität geboten worden ist. Als sächsischer Sendbote eröffnete Carl Maria von Weber jeden der bereits lange vorab ausverkauften Abende, neben Peter Tschaikowskis 5. Sinfonie beziehungsweise im Wechsel dazu der 4. von Johannes Brahms erklang das Violinkonzert Nr. 1 von Max Bruch – und als Zugabe allabendlich die Ouvertüre zu „Figaros Hochzeit“ von Wolfgang Amadeus Mozart. Durchaus also ein wohlgefälliges Programm, das nicht aneckte und doch von den Vorlieben und Qualitäten des Orchestern kündete. Nur die Hausgötter Wagner und Strauss mussten diesmal daheim bleiben.

Boomender Wohlstand und zaghafte Öffnung

Reichlich ungewöhnlich waren nach wie vor die Hörgewohnheiten und Verhaltensweisen des Publikums. Ein Kommen und Gehen auch während der Musik war ebenso angesagt wie der regelmäßige Applaus zwischen den Sätzen sowie hin und wieder auch ein kurzes Telefonat. Der boomende Wohlstand will schließlich auch vorgeführt werden.

Die 1949 gegründete Volksrepublik ist im stetigen Wandel. Wer vor wenigen Jahren in Peking war, erkennt die ausufernde Stadt kaum noch wieder. Selbst in der Nähe staatlicher Heiligtümer – der Verbotenen Stadt, dem einstigen Kaiserpalast, Tian’anmen mit Mao-Mausoleum, Großer Halle des Volkes und Nationalmuseum – zeugen längst die Insignien des Kapitals vom Siegeszug einer Politik der Öffnung.

Deren Allseitigkeit wird freilich immer mal wieder in Frage gestellt. Wirtschaftlich scheinen längst alle Grenzen gefallen – wenngleich erst kürzlich ein Verbot erlassen worden ist, mit dem Begriff „Luxus“ zu werben –, politisch oder gar kulturell werden die Dämme sehr willkürlich erlassen. Das Hamburger Architekten-Büro gmp wurde zwar mit einem 250-Millionen-Euro-Projekt betraut und durfte das Chinesische Nationalmuseum aus einem repräsentativ-muffigen 50er-Jahre-Bau schick-protzig ins weltgrößte Museum verzaubern. Die Bundesrepublik Deutschland war geladen, das knapp 200.000 Quadratmeter Ausstellungsfläche bietende Haus mit der ersten Sonderausstellung zu eröffnen – und just zu diesem Termin zeigte sich der Ein-Parteien-Staat mal wieder restriktiv beratungsresistent. „Die Kunst der Aufklärung“ als größte je von Deutschland ins Ausland gebrachte Schau wurde von den Staatlichen Museen zu Berlin, den Staatlichen Kunstsammlungen Dresden und den Bayerischen Staatsgemäldesammlungen München gemeinsam kuratiert, an die 600 Exponate sollen ein ganzes Jahr lang präsentiert werden (aus konservatorischen Gründen erfolgt quartalsweise ein substanzieller Wechsel). Dazu gibt es eine Dialog-Reihe, die mit aufklärerischem Salon-Charakter zum Gespräch einlädt – und statt sich mit dieser Offenheit vor aller Welt zu brüs­ten, strich China dem Sinologen Tilman Spengler das Visum, wiewohl der zur offiziellen Eröffnungsdelegation um Bundesaußenminister Guido Westerwelle gehören sollte.

Statt Chinakohl: L’éclat c’est moi

Ein veritabler Eklat, und die Direktoren der drei Museen waren düpiert. Jahrelange Vorarbeiten und zehn Millionen Euro deutsches Steuergeld standen plötzlich im Schatten von kleinlichem Funktionärsdenken. Zur feierlichen Vernissage wurden dennoch Reden gehalten. Das Festkonzert mit der standesgemäß aufklärerischen „Eroica“ Ludwig van Beethovens dirigierte Maestro Lorin Maazel mit einem musikalischen Triumvirat aus Berliner und Sächsischer Staatskapelle sowie Bayerischem Staatsorchester. So viel Verbundenheit ist rar. Der überaus positive Symbolcharakter des Ganzen wurde abrupt mit Füßen getreten, kaum dass Staatsdelegation und Orchester wieder ausgeflogen waren. Zwei Tage nach dem „Aufklären“ ist offenbar ein Dämmerungsprozess ausgelöst worden. Der Künstler Ai Weiwei wurde am Flughafen von Peking festgenommen, über seinen Verbleib war bis zum Redaktionsschluss nichts bekannt.

In Deutschland mehren sich Stimmen, die ein vorzeitiges Ende der „Aufklärungs“-Schau fordern. Das würde nicht nur bedeuten, den Dialog abzubrechen, sondern stellte auch den musikalischen Brückenschlag in ein schlechtes, in ein falsches Licht. Großer Atem ist angesagt, vielleicht sogar konfuzianische Weisheit und Weitsicht. Immerhin steht seit kurzem ein Denkmal des vor gut 2.500 Jahren geborenen Denkers am Platz des Himmlischen Friedens. Ein Fakt ganz eigener Ironie. Aufklärung ist eben nichts von gestern, sondern ein fortdauerndes Experiment. Daran sollte man festhalten.

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