Zunächst völlig Ungewohntes an dieser Stelle: Kräftige Schleichwerbung für ein Büchlein, an dem ich (leider unentgeltlich) auch noch mitgewirkt habe. „Computerspiele zwischen kultureller Bildung, Kunstfreiheit und Jugendschutz“ heißt eine Aufsatz-Sammlung mit Beiträgen aus der Zeitschrift „politik und kultur“, herausgegeben vom Deutschen Kulturrat (und dort auch zu beziehen). Die eigentliche Headline lautet: „Streitfall Computerspiele“ – und hat ihren guten Grund in den heftigen Diskussionen, ausgelöst durch ein schlichtes Nachdenken über das Kreativitätspotenzial dieser relativ jungen Entertainment- und Edutainment-Branche. Dass sie boomt wie kein anderer Kultur-Produktionszweig zeigte sich grade auf der aus allen Nähten platzenden „Games-Convention“ in Leipzig.
In der Broschüre kommen von Beckstein bis Zimmermann glühende Zensur-Befürworter und lodernde Liberalitäts-Fanatiker gleichermaßen und mit jeweils bedenkenswerten Argumenten zu Wort. Eine besonders scharfe Haltung wider Pixel-Killerspiele und das vermutete Verblödungs-Potenzial von Computern im Allgemeinen bezogen der Deutsche Musikrat und einige seiner Mitgliedsverbände. So entfachte der Direktor des Kriminologischen Forschungsinstitutes Niedersachsen, Christian Pfeiffer, beim Musikschulkongress in Mannheim ein regelrechtes Zirbeldrüsen-Fieber samt Beifallsstürmen, als er ein paar besonders brutale Exemplare digitaler Meuchelware als übermächtige Jugendverderber entlarvte (zu begutachten unter www.nmzmedia.de). Um ein Missverständnis auszuräumen: Kein Kulturmensch wird eine Lanze brechen für die etwa sechs Prozent indizierungsbedürftiger Schlächter-Games, die bei bedauerlich hoher Akzeptanz durch Kinder und Jugendliche von einer gewissenlosen Software-Industrie auf den Markt geworfen werden. Damit die Phantasie-Produkte aller Spiele-Schmieden zu diffamieren und somit auch schon die Beschäftigung mit diesem Genre, kann kein Weg sein. Zumal uns Musik-Liebhabern und -Beförderern ein noch näher liegendes Problem auf den Nägeln brennen sollte:
Die Zahl rechtsradikaler, gewaltverherrlichender und fremdenfeindlicher Bands, Labels und Vertriebe wächst sprunghaft. Auch namhafte Companys holen sich hübsch gewinnorientiert zum Beispiel grob tabubrechende Hip-Hopper gern ins Repertoire. Ob Sido, ob Bushido, ob Zyklon-Beatz: Schwarz-braun-grober Musik-Dreck bringt Cash – und wirkt: Zufällig vertreibt der Mügelner Plattenversand „no colours records“ entsprechende Ware. Die Style-Sheets der immer perfekteren Fascho-Produktionen liefern inzwischen unsere Hitparaden – und das musikalische Handwerkszeug vielleicht auch so manche Pop-Nachwuchs-Fördermaßnahme der einen oder anderen gutmeinend-seriösen Musik-Institution? Da sollten wir doch mal genau hinschauen, verehrter Musikrat. Denn die Nähe zur materiellen Verwertbarkeit im Verbund mit seiner emotionalen Transportkraft in einer Superstar- und Hartz-IV-Gesellschaft prädestiniert Pop für Propaganda und Demagogie. Wir freuen uns auf Beiträge von Udo Dahmen, Dieter Gorny, Hans Bäßler und Christian Höppner – und starten gleich nebenan schon mal mit Martin Hufner