Am 8. Mai 1693 öffnete sich erstmals der Vorhang der Leipziger Oper, und das Musiktheater wurde schnell zu einer festen Größe in Leipzigs Musikleben. Obgleich die Leipziger Opernherrlichkeit nur kurz andauerte, sind heute noch rund 80 Werke nachweisbar, die in der barocken Messestadt zur Aufführung kamen. Knapp drei Jahrzehnte bestimmten Liebe, Macht und Leidenschaft das Geschehen auf der barocken Opernbühne Leipzigs ebenso wie das Leben der Veranstalter.
Das Bach-Museum Leipzig dokumentiert in der Kabinettausstellung »Liebe · Macht · Leidenschaft« ab dem 15. März 2013 die Erfolgsgeschichte der Leipziger Barockoper bis zu deren Ende im Jahr 1720 und gewährt erstmals für die Öffentlichkeit einen Blick hinter die barocken Musiktheaterkulissen Leipzigs.
Dr. Michael Maul, Mitarbeiter des Bach-Archivs Leipzig, publizierte im Jahr 2009 die Ergebnisse seiner Untersuchung zur Leipziger Barockoper - mit erstaunlichem Ergebnis. Nach Gründung auf Initiative des Dresdner Vize-Hofkapellmeisters Nicolaus Adam Strungk (1640―1700) steht der erste Leipziger Opernbetrieb in seiner Bedeutung der berühmten Hamburger Schwester am dortigen Gänsemarkt schon bald gleich. Doch Erfolg vor den Kulissen wird von Beginn an von regelmäßigen Auseinandersetzungen hinter der Bühne flankiert. Strungk, der gemeinsam mit Baumeister Girolamo Sartorio (?―1707) und Jurist Heinrich Friedrich Glaser (1681―1767) bis zum Jahr 1694 als Veranstalter auftritt, glänzt durch Inkompetenz in finanziellen Angelegenheiten, und seine beiden Partner stehen ihm darin in Nichts nach. Unklare Aufgabenverteilung und menschliche Animositäten führen das Schiff der Leipziger Oper fortan bei zahlreichen Kurswechseln durch stürmische See.
Dass trotz menschlicher und finanzieller Desaster Oper vom Feinsten gespielt wird, lässt sich nur mit der Begeisterung und Hingabe der Mitwirkenden und der Unternehmer erklären. Begnadete Musiker, allen voran der hochgeschätzte Georg Philipp Telemann (1681―1767, Wirkungszeit: 1703―1705) mit seinem studentischen Collegium musicum, entfachen die Opernbegeisterung in der Messestadt immer wieder aufs Neue. Doch nach der weitgehend ruhig verlaufenden Ära Telemann, in deren Zeitraum sich der Betrieb auch dank Unterstützung der Stadt Leipzig im ruhigen Fahrtwasser bewegt, kämpft ab 1706 die nächste Generation der Strungks und Sartorios mit allen erdenklichen Mitteln um das Impresario-Vorrecht.
So erfolgreich die Leipziger Oper auch unter den künstlerischen Leitern Melchior Hoffmann (um 1679―1715, Wirkungszeit: 1706/09―1715) und insbesondere Johann David Heinichen (1683―1729, Wirkungszeit: 1709―1710) ist - die Situation hinter den Kulissen wird zunehmend chaotisch. Neben Samuel Ernst Döbricht, Ehemann von Strungk-Tochter Philippine, fordert auch der Sohn Girolamo Sartorios, Johann Friedrich Sartorio, Mitspracherecht ein. Die weiteren vier Strungk-Töchter mischen ebenfalls mit, so dass sich die intrigierenden Parteien in den Folgejahren in stetig wechselnder Konstellation bekämpfen. Schon bald nehmen die Auseinandersetzungen kuriose Formen an: so zerstört Döbricht mit einer Axt kurz vor der Premiere der Oper »Echo und Narcissus« (1712) das Bühnenbild der Strungk-Töchter, baut aber danach wieder alles zusammen. Eine Leipziger Tragikkomödie, die das Finale bereits erahnen lässt.
Als sich in der Ära des letzten musikalischen Leiters, Johann Gottfried Vogler (1691―?, Wirkungszeit: 1716―1720), die Wellen glätten, ist die Operndämmerung bereits nicht mehr abzuwenden. Obgleich Döbricht seine Anteile des Hauses an eine der Strungk-Töchter verkauft und diese zur nunmehr alleinigen Veranstalterin wird, lässt sich der Betrieb nicht retten. Jeder hat bei jedem Schulden, die Zahl der Gläubiger steigt und der einstige Prachtbau befindet sich in einem desaströsen Zustand. Nach über zwanzig Jahren Spielbetrieb ist das opulente Opernhaus heruntergewirtschaftet. Dazu überzieht die Besitzerin des Grundstücks die zahlungsunfähige Pächterin mit einer Klageflut. Mit einer Bilderbuchinsolvenz endet 1720, nach siebenundzwanzig Jahren, der Spielbetrieb und damit auch die glorreiche Ära der Leipziger Barockoper.
Anträge, den Opernbetrieb wieder aufzunehmen, werden seitens des Stadtrates konsequent abgelehnt, und schon bald soll eine neue musikalische Ära in Leipzig anbrechen: Im Mai 1723 trifft der neu bestellte Thomaskantor mit seiner Familie in Leipzig ein. Johann Sebastian Bach sorgt mit seinen Passionen und den zahlreichen in Leipzig komponierten geistlichen und weltlichen Kantaten für bis dahin unerhörte Musikdramatik in den Kirchen und Kaffeehäusern der Stadt und begründet mit seinem Werk den heutigen Ruf Leipzigs als Musikstadt. Was an alter Erinnerung blieb, kann man in der berühmten Flötenlehre von Johann Joachim Quantz (1752) nachlesen: »Die in Leipzig ziemlich lange in blühenden Zustand gewesene, heute zugrunde gegangene Oper, und die berühmten Componisten, welche [...] für dieselbe gearbeitet haben, haben zu dem Grade des guten Geschmackes, in welchem die Musik in Deutschland gegenwärtig stehet, gute Vorbereitungen gemacht.«