„Verklaufen: Jemand will einem etwas, was einem selbst gehört verklaufen. Im Besitz von etwas sein, was man nicht besitzen kann, aber jemand anderem, vorzugsweise allen, gehört. Verklauf ist das zentrale Geschäftsfeld der sogenannten Creative Industries. Anwendung: Apple verklauft Downloads. Parteien verklaufen politisches Engagement.“ (Enzyklopädie der Kritischen Masse, Jg. 2005)
Gerade veröffentlichte die SPD ihren vom Parteivorstand verabschiedeten Leitantrag „Kultur ist unsere Zukunft“, ein umfangreiches Thesenpapier über die politische und gesellschaftliche Zukunft Deutschlands. Ein Grund zur Freude eigentlich, auch wenn das Papier von vielen Seiten bespöttelt worden ist. Kultur wird der SPD nämlich zur Kernaufgabe politischen Handelns. „Kultur ist die elementare Basis von Demokratie“, liest man dort oder: „Kultur ist gleichermaßen Ausdruck wie Voraussetzung von Freiheit. (…) Kultur und Kunst sind die geistigen Lebensgrundlagen des Menschen, sie sind Lebensmittel.“
Ein Ansatz, wie die SPD ihn jetzt zu vertreten sich anschickt, geht auf noch mehr aus. Mit ihm wachsen die Aufgaben einer Kulturpolitik unermesslich. Es geht „um die Zukunft der Demokratie. Eine humane Gesellschaft ist nur möglich, wenn öffentliche Güter ausreichend und in großer Vielfalt bereitgestellt werden … Öffentliche Museen, Theater, Volkshochschulen, Stadtbibliotheken und so weiter sind Güter, an denen alle Bürger ein gemeinsames Interesse haben“. Und von allen Bürgern übrigens jahrzehntelang gefördert worden sind, durch öffentliche Abgaben, durch persönliches, auch ehrenamtliches Engagement und durch Spenden – an sich emphatisch Volkseigentum. Das Willy-Brandt’sche „Mehr Demokratie wagen“ heißt explizit „Mehr Kultur wagen“.
Dagegen scheinen aber die Kunst selbst und ihr Geschäft immun. Kunst selbst hört in großen Teilen auf, Bestandteil (produktiver) Kultur zu sein: Überall dort nämlich, wo das „Gesellschaftsorgan“ Geschäft ersetzend an die Stelle der menschlich-verletzlichen Organe wie Herz und Gehirn tritt. Das hat der lange und hartgeführte Kampf um den zweiten Korb des Urheberrechts deutlich gemacht.
Mit den Reformen des Urheberrechts, auch mit der Form der Auseinandersetzung selbst, ist das, was man eigentlich als soziales Gut wahrnehmen sollte, die Musik, weiter auf ihren Teilcharakter eines reinen Warenguts herabgewürdigt worden. Es stellt sich also die Frage: Wird unter diesen gesellschaftlichen und kulturellen Bedingungen Musik nicht asozial und ihr herbeigebeteter positiver Bezug auf den Menschen zur puren Heuchelei?
Vor kurzem musste die dänische Pop-Band „Die Dodos“ vor Gericht ziehen, um ihre Plattenfirma daran zu hindern, ihre Musik über das Internet zu vertreiben. Sony-BMG habe 2002 „per Rundschreiben allen unter Vertrag stehenden Bands angekündigt, dass das Unternehmen deren Musik in Zukunft an Online-Musikshops ver-kaufen wird – auch ohne Zustimmung der Bands“, berichtet der Informationsdienst iRights.info. Ein klarer Fall von „Verklaufen“, ausgerechnet durchgeführt von einer Organisation, die nicht müde wird, an allen Ecken und Enden Raubkopierer zu sehen. Wo immer Kunst auf Geschäft trifft, gibt es Reibungen, leider sehr selten nur förderliche.
Anderes Beispiel: In der sogenannten „Frankfurter Mahnung“, gezeichnet von der Schriftstellergruppe bei ver.di, dem P.E.N. Deutschland und dem Börsenverein des Deutschen Buchhandels, offenbart man seine Angst vor den Lesern: „Nur wenn der Staat diejenigen schützt, die vervielfältigungswürdige Inhalte schaffen, setzt er die nötigen Anreize dafür, dass solche Inhalte auch im digitalen Zeitalter noch entstehen können und in ihre Veredelung und öffentliche Bereitstellung investiert wird.“ Was die Autoren der Mahnung unter „vervielfältigungswürdige Inhalte“ verstehen – und vor allem, was sie darunter nicht verstehen – möchte man besser nicht wissen. Die implizite Ausgrenzung aller Kunst, die vor allem uneigennützigem, primär künstlerischem und sozialem Engagement zu danken ist, können nur ignorante und weltbildschiefe Schreiber-Maschinen im Büro erdenken. Hier klammert sich Kunst aus der gesellschaftlichen Verantwortung für Kultur aus, reklamiert eine Schutzzone für sich, die immer mehr einem gesellschaftlich-künstlerischen, dafür aber veredelten Todesstreifen sich anverwandelt.
„ Kultur ist ‚unsere‘ Zukunft“, im Sinne eines Eigentumsvorbehalts, bei dem nur die eigene Vorteilsgewinnung im Zentrum steht, ist freilich Kennzeichen dieser „Kunst-Kulturen“ ohne Kultur. Kunst als öffentliches Gut ist etwas anderes. Aber die steht erst gar nicht zur Debatte. Kunst ist gerade der Verwertungs-Kultur immer häufiger einfach nur im Wege. Vor kurzem hat Jürg Bariletti, der Betreiber von Stralau 68, einem Ort für improvisierte Musik in Berlin, das Handtuch geworfen. Der finanzielle Aufwand für nicht im Visier der allgemeinen Förderung stehende Projekte, die künstlerisch in das Unvorherseh- und Unvorhörbare investieren, scheint musikkulturell nicht vorgesehen und eine angebliche Komponistenschutzorganisation wie die GEMA wird zum Verhinderer ihrer Idee, sie „verklauft“ ihre Beteiligten an und vor sich selbst. „Dauernd müssen kleinere Läden, die experimentelle Musik machen, aus finanziellen Gründen schließen, weil die GEMA Druck macht. Die GEMA als Vernichtungsorganisation der Grundlagen ihrer Musiker. Die Musiker, die Pianisten, die experimentelle Musik, neue Musik machen, wo haben die noch eine Plattform? Die wenigen, die es noch gibt, werden systematisch zerstört“, stellt Jürg Bariletti lapidar in einem Gespräch mit Dietrich Eichmann fest. Wer freilich die wurzelhaftige, mäandernde Vielfalt der Künste derartig bürokratisch vernichtet, der beschädigt, neben der eigenen Glaubwürdigkeit, die Freiheit von Kunst und die Substanz einer demokratisch verfassten Kultur tief. Da hilft kein Marketing. Da hilft nur Intelligenz.