Die Musik von Komponistinnen und die damit verbundenen Fragen nach der künstlerischen Bedeutung, historischen Einordnung und Rezeptionsgeschichte komponierender Frauen rückt zunehmend in den Fokus des musikalischen Interesses. Auch wenn lobenswerterweise immer mehr Werke von Komponistinnen in Symphoniekonzerten oder im Musiktheater aufgeführt werden, findet die Auseinandersetzung damit meistens in einem relativ bescheidenen Rahmen statt, weil sie sich auf einzelne Werke beschränkt und oft in direktem Kontext mit Werken männlicher Kollegen nur eine eher punktuelle und vergleichende Einschätzung zulässt.
Lieder im Dornröschenschlaf
Nach wie vor selten sind Möglichkeiten, sich hörend dem kompositorischen Gesamtwerk einer Komponistin anzunähern oder, wie in unserem Fall, sich einem weitgehend unbekannt gebliebenen Genre der Musikliteratur zu widmen, das sich bei intensiverer Beschäftigung als bisher kaum entdeckte Terra Incognita entpuppt: das Liedschaffen von Komponistinnen, das mehr oder weniger zeitgleich zu den populären Œuvres bekannter Komponisten entstanden ist und diesen in seiner Produktivität um nichts nachsteht, ohne dass es nur eine dieser Komponistinnen geschafft hätte, in den anerkannten Lieder-Kanon aufgenommen zu werden, geschweige denn eine nennenswerte Rolle in heutigen Liedkonzertprogrammen zu spielen. Dabei muss zwischen den jeweiligen Entstehungsbedingungen vom 19. bis zum 21. Jahrhundert und ihrer dazugehörigen Rezeptionsgeschichte differenziert werden.
In nahezu jeder Biographie von Komponistinnen des 19. und auch immer noch des 20. Jahrhunderts finden sich gesellschaftliche Strukturen männlicher Dominanz, männlicher Sichtweisen und sozialer Ungleichheit. Komponistinnen mussten ihre Werke unter Pseudonym veröffentlichen, weil komponierende Frauen grundsätzlich nicht ernst genommen wurden, sie bedurften der Protektion berühmter männlicher Kollegen oder mussten aufgrund existenzieller Herausforderungen oder privater, meist ehelicher Verbote das Komponieren sehr einschränken doer ganz aufgeben.
Der männliche Blick
Auch heute ist der männliche Blick vor allem in Bezug auf Komponistinnen des 19. Jahrhunderts noch immer allenthalben spürbar. So fehlt zum Beispiel in keinem Artikel über Emilie Mayer die durch keinerlei Quelle zu belegende Bezeichnung „Der weibliche Beethoven“. Sehr gerne werden auch wohlwollend lobende – aus heutiger Sicht jeddoch diskriminierende – Meinungen männlicher Kollegen oder Mentoren zitiert. Zum Beispiel der Ausspruch von Ambroise Thomas über die junge Cécile Chaminade: „C’est extraordinaire! Ce n’est pas une jeune fille qui compose, c’est un compositeur!“ („Es ist unglaublich! Es ist kein junges Mädchen, das komponiert, es ist ein Komponist!“)
Darüber werden leicht die Komponistinnen übersehen, die es zeitlebens zu Ruhm und Anerkennung und auch ökonomischer Unabhängigkeit brachten. Auch hier ist Cécile Chaminade ein leuchtendes Beispiel einer unabhängigen Künstlerin, die vom Erfolg ihrer Werke leben konnte. Neben der Klavier- und Kammermusik war es vor allem die populäre Gattung des Kunstliedes, mit der sie und andere Kolleginnen weltweit große Erfolge bei einem dankbaren Publikum feierten, das sich vor allem zu Hause dem Musikgenuss widmete. Dass die Komponistinnen hier reüssierten, ist aber nicht zuletzt eine Folge davon, dass sie sich frustriert vom Opern- und Konzertbetrieb lossagen mussten, weil sie hier keine Chancen erhielten. Doch gerade den berühmten und erfolgreichen Komponistinnen erging es wie auch vielen bildenden Künstlerinnen und Schriftstellerinne, und sie wurden nach ihrem Tode sehr schnell vergessen und ihre Werke verstummten.
Die Liedakademie an der Hochschule für Musik und Tanz Köln hat jetzt den spannenden Versuch unternommen, das Liedschaffen von Komponistinnen generell in den Fokus der Ausbildung zu rücken und überhaupt erst einmal hör- und erlebbar zu machen. Mit den beiden Liedprofessoren Anh Trung Sam und Stefan Irmer sowie momentan zehn weiteren spezialisierten Mitarbeiter*innen verfügt die Liedabteilung der HfMT Köln über starke Ressourcen und eine große Expertise, um in eigenen Projekten mit den Studierenden ungewöhnliche und neue künstlerische Wege zu erkunden.
Ein alle zwei Jahre stattfindender interner Liedduowettbewerb der Hochschule diente im Januar 2025 dazu, das unbekannte Terrain der von Frauen komponierten Liedliteratur zu entdecken und selbstständig künstlerisch zu erforschen. Die teilnehmenden Studierenden der Hauptfächer Gesang und Klavier, die sich zu Lied-Duos zusammenfanden, kamen nicht nur aus den beiden das Lied explizit in den Mittelpunkt stellenden Masterstudiengängen Liedgestaltung Klavier und Gesang Lied/Konzert, sondern auch aus allen anderen künstlerischen und pädagogischen Bachelor- und Masterstudiengängen.
Für die erste Runde des Wettbewerbes hatten die Lied-Duos eine frei ausgewählte Gruppe von Liedern zu einem Thema eigener Wahl zusammenzustellen. Für die zweite Runde war ein 25 bis 30 minütiges Programm ausschließlich mit Liedern von Komponistinnen zu konzipieren und aufführungsreif einzustudieren. Dazu wurde im Vorfeld in der Bibliothek der Hochschule eine Notensammlung angeschafft, die einen repräsentativen Querschnitt des Liedschaffens von Komponistinnen vom 19. bis zum 21. Jahrhundert umfasste. Natürlich konnten die Studierenden auch auf die umfangreichen Notensammlungen vor allem von Komponistinnen des 19. Jahrhunderts bei IMSLP zurückgreifen. Bei der Präsentation der Programme im Konzertsaal der Hochschule konnten eine externe Wettbewerbsjury und das interessierte Publikum durchgängig sehr beeindruckende künstlerische Performances von insgesamt 15 Lied-Duos erleben, die alle ihre ganz persönlichen Liedprogramme von Komponistinnen präsentierten. Dabei kamen insgesamt 141 Lieder von 44 Komponistinnen zur Aufführung.
Große Linien
Die Auswahl repräsentierte einen von persönlichen Vorlieben geprägten Querschnitt, doch waren direkt einige große Linien erkennbar, die das Repertoire durchziehen. In Nachfolge der ersten romantischen Generation von Fanny Hensel, Clara Schumann und Josephine Lang gab es gerade in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhundert bis in die 1930er Jahre sehr umfangreiche Lied-Œuvres von Komponistinnen, die sich wie etwa Luise Greger bewusst in der Nachfolge der in der deutschen Romantik wurzelnden Liedkultur verstanden. Für die musikalische Kultur der Salons und für die Bedürfnisse einer privaten häuslichen Musikkultur leisteten ab der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts in Frankreich beispielsweise Pauline Viardot und Cécile Chaminade oder in den USA Amy Beach bedeutsame Beiträge.
Auch in der Musik des 20. Jahrhunderts sind immer noch großartige Liedschöpfungen von Komponistinnen in ihrer gleichwertigen Bedeutung den ungleich anerkannteren Werken männlicher Kollegen gegenüber zu entdecken. Dazu gehören die Lieder von Rebecca Clarke und Henriëtte Bosmans und die einzigartigen Liedzyklen und -sammlungen von Lili Boulanger („Clairières dans le ciel“) und Régine Wieniawskis unter dem Pseudonym Poldowski veröffentlichte Verlaine-Vertonungen oder die Vertonungen deutscher Lyriker wie Rilke, Nietzsche oder Karl Kraus durch die kroatische Komponistin Dora Pejacevic.
Neben diesen bekannteren Namen gab es in den Wettbewerbsprogrammen viel Unbekanntes zu entdecken, etwa Lieder von Alice Samter, Matilde Salvador, Augusta Holmès, Hildegard Quiel, Libby Larsen, um nur einige zu nennen. Erstaunlich war in den Wettbewerbsprogrammen auch der hohe Anteil von Kompositionen der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts und des 21. Jahrhunderts. Mehrfach vertreten waren Lieder von Kaija Saariaho, Ruth Schönthal, Judith Weir und der in Köln lebenden Komponistin Camille van Lunen. Von ihrem Liederzyklus „Ich ließ dir mein Kleid zurück aus Sonnengefieder“ fand sogar eine erste Gesamturaufführung statt, da die Partitur zwar veröffentlicht ist, die Lieder aber zuvor noch nie in ihrer Gesamtheit erklungen sind.
Beim Hören dieser mannigfaltigen, begeisternden Liedschöpfungen höchster kompositorischer Qualität stellt sich die Frage, ob es nicht an der Zeit ist, einen auf Dauer lieb gewordenen Kanon einzelner Komponisten und Kompositionen im Repertoire herkömmlicher Liedrecitals grundsätzlich neu zu gestalten und radikal aufzubrechen. Um dafür die Voraussetzungen zu schaffen, gibt es wohl kaum einen idealeren Ort als eine Musikhochschule, denn wo lässt sich sonst abseits der begrenzenden Zwänge des Konzertbetriebs mit hochbegabten Musiker*innen über einen längeren Zeitraum hinweg ein so komplexes und hochaktuelles Thema grundlegend erarbeiten und produktiv künstlerisch auf dem Konzertpodium umsetzen.
- Der Autor ist Professor für Liedgestaltung an der Hochschule für Musik und Tanz Köln.
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