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Artist-in-Residence 2013 in Dessau: James Holmes. Foto: Matthias Fluhrer
Artist-in-Residence 2013 in Dessau: James Holmes. Foto: Matthias Fluhrer
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Wer wär’ nicht gern am Broadway

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„New York, New York“: das 21. Kurt Weill Fest in Dessau-Roßlau
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Sozusagen pünktlich zum Kurt-Weill-Fest veröffentlichte der 2011 eingerichtete Kulturkonvent des Landes Sachsen-Anhalt seine Empfehlungen für die Zukunft. Die wichtigsten Ideen: Eine Anhebung des Kulturetats, und eine stärkere Kooperation der Kultur-Institutionen. Das Weill gewidmete Festival in Dessau-Roßlau zeigt sich dafür im 21. Jahr seines Bestehens bestens aufgestellt. Mit etwa 13.600 verkauften Eintrittskarten für 55 Veranstaltungen in 17 Tagen waren die Veranstalter auch diesmal hoch zufrieden. Die Auslastung dürfte sich in der Nähe des Vorjahresergebnisses von 89 Prozent bewegen. Auch diesmal lebte das Festival von einem vielfältigen Programm, langjährig gewachsenen Verbindungen und zahlreichen Kooperationen. James Holmes, der diesjährige Artist-in-Residence, war dafür ein gutes Beispiel. Der britische Dirigent und Weill-Experte war schon mehrfach Gast in Dessau. Nun zeigte er zwei Wochen lang Präsenz bei einer ganzen Reihe von Veranstaltungen.

Nicht nur das Eröffnungskonzert im Anhaltischen Theater, das mit „New York, New York“ das Festivalmotto aufnahm, sondern auch das Konzert „Wouldn’t you like to be on Broadway“ im Alten Rathaus der Lutherstadt Wittenberg und der Musiktheater-Abend in der Marienkirche lebten von dem Können, der Ausstrahlung und Präsenz von Preisträgern des von der New Yorker Kurt-Weill-Foundation veranstalteten Lotte-Lenya-Wettbewerbs. Nicht nur Holmes, sondern auch Richard Todd Adams, Maria Failla, Analisa Leaming, Michael „Tuba“ McKinsey, James Benjamin Rogers, Jacob Lewis Smith und Jacob Keith Watson gaben dem Fes-tival in der Stadt über zwei Wochen lang ein Gesicht. Im Eröffnungskonzert, das den Musical-Komponisten Weill im Kontext seiner Vorgänger, Konkurrenten und Nachfolger am Broadway zeigte, wurden sie begleitet von der Deutschen Staatsphilharmonie Rheinland-Pfalz aus der Dessauer Partnerstadt Ludwigshafen. Von dort kam zusätzlich ein Gastspiel: Eine „Dreigroschenoper“-Version des Jungen Spiel Theaters beim Theater im Pfalzbau.

Beim Programm „A Little Night Music – Ein Abend für Steven Sondheim“ begleitete Holmes mit dem schon im letzten Jahr zusammengestellten Marie-Galante-Quinett aus Musikern der Region die letztjährige Artist-in-Residence, die Sopranistin Ute Gfrerer. Beim Musiktheater-Programm mit Weills Schuloper „Down in the Valley“ und den „Five Songs“ aus „Huckleberry Finn“, Weills letztem, unvollendeten Theaterprojekt schließlich bestritt das durch Gäste erweiterte IEMA-Ensemble, ein Nachwuchs-Projekt des Frankfurter Ensembles Modern, den Orchesterpart. Holmes gestaltete eine packende und stilsichere Aufführung, in die sich auch der vom schlanken norddeutschen Stimmideal geprägte Kammerchor Cantamus Halle (Ltg. Dorothea Köhler) eindrucksvoll einfügte. Deutlich wurde insbesondere, welch satztechnische Sorgfalt und Ökonomie Weill dem Chorpart und den verschiedenen Variationen des Volksliedes „Down in the Valley“ angedeihen ließ. Dagegen wirkten die von Holmes eingerichteten Orchester-Arrangements der „Huckleberry Finn“-Songs aufgedonnert und überladen.

Das Ensemble Modern selbst, Artist-in-Residence des Jahres 2010, spielte in diesem Jahr ein Kammerkonzert „Bad Boys in Music“ auf der Bauhaus-Bühne mit Musik von Wolpe, Nancarrow, Koechlin, Varèse und Antheil und begleitete im Anhaltischen Theater Fritz Langs Film „Metropolis“ in der restaurierten Fassung von 2010 mit der dafür ergänzten Musik von Martin Matalon. Diese bewegt sich stilistisch zwischen Neuer Musik und Jazz, bewahrt im Gegensatz zur Originalmusik von Gottfried Huppertz emotionale Distanz und lässt das Kolportagehafte der Handlung stärker hervortreten. Das Anhaltische Theater selbst präsentierte die Wiederaufnahme von Tomasz Kajdanskis Emigranten-Ballett „Hotel Montparnasse“ zu Musik von Weill und Gershwin aus dem Vorjahr und nahm Leonard Chris-tian von Götz’ eindrucksvolle Inszenierung von Leonard Bernsteins „West Side Story“ wieder ins Programm – beide mit der Anhaltischen Philharmonie unter Leitung ihres 1. Kapellmeisters Daniel Carlberg. Eine szenische Neu- oder Erstinszenierung eines Weill-Musicals gab es nicht, dafür die von Ed Harsh eingerichtete und von GMD Antony Hermus dirigierte Konzertfassung des Monumental-Oratoriums „Der Weg der Verheißung“ von 1936/37.

Fast durchweg überzeugte beim Weill-Fest 2013 das musikalische und darstellerische Niveau. Vor allem den großen Song-Programmen mit unbekannten englischen Texten fehlte es bei aller Brillanz allerdings an der Textverständlichkeit, zumal sie weder abgedruckt noch ins Deutsche übersetzt zu lesen waren. Während „Down in the Valley“ auf der Konzertbühne dank der sparsamen, aber klaren szenischen Einrichtung von Danny Costello recht gut zugänglich blieb, gingen ansonsten nicht nur Pointen, sondern auch grundlegende Inhalte verloren. Dies ist unangemessen und oberflächlich gerade einem Komponisten gegenüber, der die Zuschauer nach eigener Aussage „zum Mitdenken und zum Weiterdenken“ bringen wollte und den die Festivalmacher um den Intendanten Michael Kaufmann gerne als „Zeitzeugen der klassischen Moderne“ apostrophieren.

Ganz ernst nahm diesen Anspruch die Chanson-Sängerin Anna Haentjens, die zusammen mit Sven Selle, ihrem agilen und wachen Klavierbegleiter, Weill gleich zweimal in den zeit- und kulturgeschichtlichen Kontext der 1930er- und 1940er-Jahre stellte. Im intimen Rahmen des Kurt-Weill-Zentrums im Feininger Haus präsentierte sie unter dem Titel „In Holly-Hollywood“ Lieder über Erfolg und Verlust und unter dem Motto „Grenzenlos begrenzt sind wir“ Lieder über Fremde und Heimat. Eindrucksvoll gelang es auch dem schwedischen Jazz-Posaunisten Nils Landgren, Artist-in-Residence von 2009, bei seinem gefeierten Auftritt mit der Bohuslän Big Band im Anhaltischen Theater, den Kontakt zum Publikum herzustellen. In „Music for a While“ kombinierte er in geistreichem Versteckspiel Arrangements von Weill-Titeln mit Bearbeitungen barocker Musik von Purcell, Bach, Vivaldi und Händel. „Habt ihr erkannt?“, fragte er manchmal – und ja, manch einer hatte.

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