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Vor 50 Jahren: Premiere des Bayerischen Landesjugendorchesters Augsburg

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Neue Musikzeitung, XXIV. Jg., Nr. 1, Februar 1974
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Mit Rührung und Bewunderung für eine überaus respektable Leistung blutjunger Orchestermusiker […] wohnte der Berichterstatter dem ersten öffentlichen Konzert des neu gegründeten Landesjugendorchesters Augsburg bei, das in der Kongreßhalle von einem begeisterten Auditorium zu Recht als eine kleine Sensation gefeiert wurde. […] 

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Die 54 jungen Menschen zwischen zwölf und 22 Jahren, die da so bescheiden und gefaßt auf dem Podium der Kongreßhalle er schienen, ihre Instrumente einstimmten und ein anspruchsvolles symphonisches Programm ebenso engagiert wie gekonnt absolvierten, sind Schüler und Gymnasiasten aus Bayern. Sie sind überdurchschnittlich begabt; zwei Drittel waren Preisträger des Landeswettbewerbs „Jugend musiziert“ und haben zehn Ferientage geopfert, um im „Bundesleistungszentrum Augsburg“ in harter, aber begeistert abgeleisteter Probenarbeit Glück und Freude gemeinsamen Musizierens im Verband des großen klassischen Orchesters zu erfahren. Wie die im Durchschnitt fünfzehnjährigen Streicher und die nur wenig älteren Bläser […] aus Schwaben, Oberbayern und Franken das anspruchsvolle Programm bewältigten, spricht nicht nur für die Begabung der blutjungen „Philharmoniker“ des Landesjugendorchesters, sondern erst recht für die geleistete pädagogische Arbeit im Probendomizil am Eiskanal, in dem der Augsburger Kapellmeister H. N. Bihlmaier, die Würzburger Cellistin Margarete Kindermann und der Augsburger Meisteroboist Georg Fischer die einzelnen Gruppen im Zusammenspiel schulten. 

Der Nürnberger GMD Werner Andrea Albert, ein handwerklich hocherfahrener Orchesterleiter, dessen präzise, inspirierte Zeichengebung einen reibungslosen Ablauf des Programms gewährleistete, brachte das Wunder zuwege, dem klanglich erstaunlich homogenen Orchester begeisterter Laien ein Maximum an Intensität zu entlocken, die Gruppendisziplin zu festigen und kleine Schönheitsfehler bei solistischen Einsätzen der Bläser im Handumdrehen zu korrigieren. 

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Vor 50 Jahren: Premiere des Bayerischen Landesjugendorchesters Augsburg

Vor 50 Jahren: Premiere des Bayerischen Landesjugendorchesters Augsburg

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Daß sich die jungen Damen und Herren bei der diffizilen Begleitung des Geigenkonzerts von Mendelssohn mit Glanz und Glorie schlugen, daß sie im Verein mit dem ausgezeichneten Solisten Gottfried Schneider (Coburg) kantablen Geigenglanz und in dem die Holzbläser voll und ganz fordernden Elfenreigen des Finales blitzende Präzision bewährten, ist wohl in erster Linie Alberts Verdienst und das Ergebnis harter Übungsstunden im stillen Kämmerlein. […] Aus Brahms sechssätziger Orchester-Serenade op. 11 musizierten die jungen Instrumentalisten drei Stücke so impulsiv und musikantisch, wie es dem jungen Schwarmgeist Brahms angemessen erschien. Hörner und Holzbläser intonierten klangvolle Soli, und auch die Streicher sparten nicht mit Emotion und Vibrato, wenn das in vollen Hallen und in ganztaktigen Triolen schwelgende Melos es erforderte.

Zur Eröffnung des Abends erklang ein in knappsten Abschnitten gehaltenes Probestück moderner Klangverfremdung: Milko Kelemens „Abecedarium für Streicher“, ein Abrakadabra heulender Glissandi, unvermittelter Akzente und demontierter Klassik (Bachs Chaconne für Sologeige), in das zum guten Schluß die Instrumentalisten sogar als Sänger miteinstimmten, Ein leichtgewichtiger musikalischer Scherz, der den Ausführenden sichtlich Spaß bereitete.

Augsburg darf sich rühmen, Patenstadt einer Institution geworden zu sein, die in der Musikpädagogik unserer Tage einen Markstein setzte. Die angehenden „Philharmoniker“ werden nach dem großen Erfolg ihrer „Premiere“ nicht zögern, auch eine zweite und dritte „Arbeitsphase“ mitzumachen und um die Freude am Musizieren im Orchester willen Opfer zu bringen. 

Dr. R. Karl Ganzer, Neue Musikzeitung, XXIV. Jg., Nr. 1, Februar 1974

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