Hui-der-Pfusch: Wie die Zeit vergeht. Höchste Zeit, dass sich was dreht? Fast 20 Jahre ist der imperative Röchelsong von Herbert Grönemeyer alt, Geburtsjahr 2006. Damals beliebte Begleitmusik zu einem Fußball-Sommermärchen mit kapitaler Blutgrätsche im Vorfeld? Vorbildlich fair jedenfalls die Ersatzbank: Komponist, Texter und Interpret. Gern genutzt wurde der angeblich schwungvolle Titel immer dann, wenn die Chefanalytiker am Wirtshaustisch oder in der Börse auf irgendeinem gesellschaftlichen Spielfeld Stillstand diagnostizierten.

Titelseite der nmz 3/2025.
Modern Times
Zuletzt untersagte Grönemeyer vor einem halben Jahr sowohl CDU wie den Grünen die Nutzung seines Songs als akustische Wahlkampf-Lokomotive. Für derartige Zwecke wäre Musik wohl gerade noch brauchbar gewesen. In den Wahlprogrammen der sich im kreativen Kriechen mit Schlamm bewerfenden Parteien fand sie nicht mal als Blinddärmchen in den auch ansonsten kaum vorhandenen kultur- und bildungspolitischen Handlungs-Notwendigkeiten unserer Dichter- und Denker-Heimat Erwähnung.
Die Angst hat uns als „typical german identity“ weit über die europäischen Grenzen hinaus trefflich charakterisiert. Ein morbider Mix aus materieller Untergangspanik und bibberndem Fremdeln: mit Vorliebe nicht seit Geburt gepamperten Zuwanderern gegenüber. Bester irrationaler Treibstoff für nationalistische Blicktrübung und Hirnverengung. Eine Spezial-Influenza, unter der aktuell wenigstens 20 Prozent unserer Mitbürger leiden. So wundert es nicht, dass die AfD schlichte Fragen des Deutschen Kulturrates zur Zukunft der Künste bis zum Wahltag „übersah“. Dass die CDU möglicherweise Berlins Kulturabschaffer Joe Chialo zum Kulturstaatsminister in Friedrich Merz’ Kanzleramt einnistet – Kompetenzdefizite und Empathiemangel inbegriffen –, ist keine ganz grundlose Vermutung. Dass sich der neue Schwarzfels-Kanzler vom Schlumpf-Partner SPD eine kulturkompetente Persönlichkeit wie Carsten Brosda ins Haus verhandeln lässt, ist reichlich unwahrscheinlich, selbst wenn Kulturpolitik so unwichtig ist wie Kunst überhaupt. Es dreht sich die Zeit – zurück. „Große“ Koalition gab es erstmals 1966 unter Kurt Georg Kiesinger. Auch eine bleierne Zeit. Aber vielleicht kann man das zu erwartende Schnecken-Regiment ja mangels eigener dank künstlicher Intelligenz beschleunigen. Unseren geliebten transatlantischen Partnern würde das sicher gefallen.
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